SAMSTAG, 15.
JANUAR 2005 Basellandschaftliche Zeitung
Die Improvisation ist eine fragile Kunst, die hochgradig
auf den Augenblick bezogen ist. Dieser
Aspekt ist bekannt und wird auch oft betont. Doch seit den
Anfängen des Free Jazz und der Freien Improvisation
ist der Aspekt der Forschung mindestens so wichtig.
Das Gefühl, mit bestehenden
Spielweisen, Instrumenten, Formen und Theorien nicht genügend
für die Konfron-tation mit dem Augenblick gerüstet
zu sein, gehört ebenso selbstverständlich zum
Ausgesetztsein des auf Noten verzich-tenden Musikers, wie
ein entsprechendes Pensum an Üben, Hören, Ausprobieren
und Reflektieren. Aber mit wenigen Ausnahmen wird darüber
eher selten berichtet.
Umso wichtiger ist deshalb die von Hansjürgen Wäldele
und Nicolas Rihs organisierte und in der Musik-Akademie
stattfindende Vortragsreihe “Vom Poten-tial einer
musikalischen Geste - Aspekte der Freien Improvisation”
(die dankens-werterweise vom Fachausschuss Musik BS/BL unterstützt
wird).
Die jeweils am Sonntagmorgen stattfindende Reihe (für
genauere Informationen: www.getreidesilo.net/aspekte) bietet
dieses Jahr vier Vorträge zu weit-reichenden Themen
der improvisierten Musik.
Am 16. Januar wird es um „Improvisierte Musik im Internet“
gehen. Dank erhöhten Datendurchsätzen bietet dieser
Bereich immer mehr Möglichkeiten (bis hin zum Live-Ensemblespiel),
über die der Kontrabassist Peter K. Frey berichten
wird. Anhand von konkreten Beispielen wird er versuchen
aufzuzeigen, was in diesem Medium bereits ausprobiert und
was noch möglich und sinnvoll ist.
Am 27. Februar steht „An den Rändern der Sprache:
vom Spiel mit Bedeutungen“ auf dem Programm. Das ursprünglichste
aller Instrumente stellt aufgrund der Bedeutungsebene der
Sprache besonders verzwickte und weitreichende Fragen an
die Improvisa-tion. Die sowohl im Bereich der neuen Musik
als auch der Improvisation tätige Sängerin Marianne
Schuppe wird über die ebenso explosive wie fruchtbare
Beziehung zwischen Stimme und Sprache, zwischen Sprachlosigkeit
und spontaner Spracherfindung, zwischen Textinterpretation
und Laut-Poesie reflektieren.
Einem zentralen Thema ist der 22. Mai gewidmet: „Präparieren,
Mani-pulieren: die Bedeutung der sogenannten Klangforschung
in der improvisierten Musik“. Die üblichen Instrumente
und Spielweisen sind in der Improvisation ihrer Selbstständigkeit
entledigt und werden als gesellschaftliche und his-torische
Produkte betrachtet. Der Pianist (oder in gewisser Hinsicht
auch Nicht-Pianist) Christoph Schiller wird darüber
berichten, wie die Suche nach neuen, anderen und frischen
Klängen dazu führen kann, sich einem Instrument
immer wieder neu anzunähern, aber auch darüber,
was für ein intensiver Austausch von Spielweisen zwischen
improvi-sierenden Musikern stattfindet. Könnte die
„falsche“ Spielweise zum „richtigen Leben“
gehören?
Am 19. Juni schliesslich wird der Musiker und Instrumentenbauer
Lukas Rohner dieses Thema weiterführen: „Mehrstimmiges
Blasen: Begegnungen von Mehrklängen auf Oboe und Fagott
mit neuerfundenen Tastenblasinstrumen-ten“ widmet
sich den Möglichkeiten der Holzblasinstrumente und
Suche nach neuen Instrumenten als technischer, aber auch
als poetischer und ebenso radikaler wie alltagsbezogener
Tätigkeit.
Eine Fülle an Informationen, Einsichten und Auseinandersetzungen
wartet also auf interessierte Hörer- und MusikerInnen
!
Peter Baumgartner
DONNERSTAG,
16. JUNI 2005 Basellandschaftliche Zeitung
Spannend
improvisierte Konzertmusik
Rolf de Marchi
SEPTEMBER 2005
Dissonanz N° 91
Fülle
und Leere
Andreas Fatton