
Schweizerische
Musikzeitung März 2009
Im Labyrinth
auf freiem Feld
Vom Nachdenken und Schreiben über improvisierte
Musik
Wer sich mit der Kritik in der freien
Improvisation befasst, sieht sich mehr Fragen als Antworten
gegenüber. Ein paar (un)ziemlich mäandernde und
uferlose Gedanken vor dem Neustart der Basler Konzertreihe
«Aspekte der Freien Improvisation».
Über Improvisation
zu schreiben, empfinde ich nach Jahren des klassischen und
das heisst: werk- und interpretationsbezogenen Musikjournalismus
immer noch als etwas vom Anspruchsvollsten. Nirgends sonst
wird einem so sehr die Vergänglichkeit von Musik bewusst,
denn zum Verschwinden des Klangs tritt die völlige
Unwiederholbarkeit des Ereignisses. Gewiss, könnte
man einwenden, ist Musik immer unwiederholbar. Aber immerhin
gibt es durch die Partitur Bezugspunkte, durch die sie in
einer Folge sich gegenseitig annähernder Repetitionen
steht. Gewiss, liesse sich abermals einwenden, ist selbst
die verwegenste Improvisation im Zeitalter der technischen
Reproduzierbarkeit wiederholbar geworden, und doch enthebt
uns dies nicht, die Improvisation als einmaliges Ereignis
zu betrachten. Und schon stecken wir tief in den Fährnissen
des Diskurses.
Derlei wurde deutlich, als wir vergangenes Jahr vier Mal
zusammenkamen, um in der Basler Konzertreihe Aspekte der
Freien Improvisation über das soeben konzertant Gehörte
zu sprechen. Die beiden Initiatoren, der Fagottist Nicolas
Rihs und der Oboist Hansjürgen Wäldele, luden
sich jeweils einen anderen Gast ein. Dieses Trio traf sich
zuvor zu drei Konzerten und spielte dann in der Imprimerie
Basel ein letztes Mal für eine halbe Stunde auf; danach
wurde diskutiert, erst unter den «Experten»,
Rudolf Kelterborn, Hansheinz Schneeberger, Roland Moser
und Sebastian Kiefer, dann mit den Musikern und schliesslich
im Plenum. Es waren zugegebenermassen Experten aus dem sogenannt
klassischen oder E-Musikbereich, die sich da unterhielten,
und diese Einseitigkeit wurde zu Recht moniert, aber vielleicht
spiegelte sich darin auch die Tendenz, dass Klassiker eben
stärker aufs Verbalisieren angewiesen sind. Es wird
zwar häufig beklagt, ist aber üblich, dass von
fast jedem Komponisten zu einem neuen Werk auch gleich ein
Kommentar erwartet wird. Improvisatoren sind da zurückhaltender.
So anfechtbar also die Ausgangslage für diese Improvisationskritik
war, so versuchten wir dennoch, sie fruchtbar zu machen,
versuchten es mit verschiedenen Begriffen, die wir im Gespräch
abwogen. Dazu hier ein paar wenige, vielleicht weiterführende,
aber keineswegs an ein Ende gelangende Gedanken, wobei ich
ausdrücklich nicht darüber rede, was frei improvisierte
Musik ist, sein könnte oder sein sollte, sondern höchstens
darüber, von welchen Gesichtspunkten aus man über
sie schreiben könnte.
Formen?
«Form»
war ein Begriff, über den wir uns zunächst unterhielten,
über die Frage: Was haben wir gehört? Wie würden
wir es gliedern oder als Gestalt beschreiben? Und da wurden
schon die Widerhaken spürbar. Wäre Form als schlüssige
oder erkennbare Gestalt zu bezeichnen, die entsteht, oder
sogar als etwas Vorgegebenes? Denn auch das gibt es in der
improvisierten Musik, manchmal mehr, als einem lieb ist.
Berüchtigt sind die schematischen Thema-Variationen/Soli–Thema-Abläufe,
die einem oft im Jazz entgegentreten und die weniger auf
Spontaneität abzielen als vielmehr auf individuelle
Virtuosität. Im frei improvisierten Bereich etwa gibt
es Bogen- oder Wellenformen. Solche Musik, die sich hochschaukelt
und wieder verebbt, war eine Zeitlang sehr im Schwange,
da geradezu naturhaft und dabei übrigens auch sehr
effektvoll, ja mitreissend, das heisst durchaus anwendbar
– aber bitte nur einmal pro Konzert. Wenn sich Bogenformen
häufen, werden sie vorhersehbar und langweilen.
Aber nein, das meinen wir hier nicht! Die Frage ist eher:
Erscheint uns das Improvisierte irgendwie verbindlich, konsequent
gestaltet? Zusatzfrage: Woran machen wir das dingfest? Zweite
Zusatzfrage: Ist es, so dingfest gemacht, etwas Erkennbares,
etwas, das uns nachher in Erinnerung bleibt?
So viele Fragen bereits, so wenige Antworten. Ein paar Gedanken
über das Beschreiben von Improvisation reichen schon
aus, um alles, was man darüber sagen könnte, in
ein Labyrinth zu überführen. Das Wort «erkennbar»
zum Beispiel. Könnte das auch heissen: wiedererkennbar?
Oder wiederholbar? Und damit vorgebbar? Was der «Freiheit»
dieser Musik entgegenlaufen würde.
Totale
Freiheit?
Womit wir flugs
bei einer weiteren Diskrepanz angelangt wären. Strebte
denn die frei improvisierte Musik, wie sie vor allem in
den 70er und 80er Jahren gepflegt wurde, nicht die totale
Freiheit und Ungebundenheit an? Bekam diese Freiheit nicht
manchmal im Lauf der Zeit einen etwas faden Beigeschmack,
weil sie ins Unverbindliche hinauslief. Manchmal, notabene,
längst nicht immer. (Aber es ist schon interessant,
dass der Begriff „Free Jazz“ für manche
Musiker fast schon negativ konnotiert ist.)
Erkennbar, um darauf zurückzukommen, heisst auch: fassbar,
vielleicht auch erinnerbar. Woran erinnern wir uns, was
fassen wir? Wohl keine Sonatenhauptsatz- und keine Fugenform.
Dennoch könnte sich eine Improvisation ja durchaus
– das widerspricht der Freiheit nicht – in einem
fix umrissenen Rahmen entwickeln. Und vielleicht ergäbe
sich gerade daraus ja erst die Überraschung, die auch
eine improvisierte Musik nötig hat. Denn wo alles Überraschung
ist, ist keine Überraschung mehr möglich. Die
Verbindlichkeit macht das Unverbindliche möglich. Das
liesse sich beschreiben.
Erwartetes
Unerwartetes?
Für eine
Überraschung braucht es ein Umfeld, das nichts von
ihr weiss – gute Opernkomponisten haben solche Surprisen
ja immer genial vorbereitet. Wenn bei Beethoven auf dem
dramatisch zugespitzten Konflikt im Kerker Florestans nun
plötzlich aus der Ferne die rettungverheissende Trompetenfanfare
hereinbricht, ist der Effekt dieses Stimmungsumbruchs überwerfend,
ja bestürzend, weil zuvor ein bestimmtes Klangfeld
vorbereitet wurde. Oder ein anderes dialektisch noch vertrackteres
Beispiel: die Geräuschwelt in Helmut Lachenmanns „Accanto“
ist homogen und so sehr in sich geschlossen, dass darin
ein vertrautes Mozart-Zitat ab Tonband wie ein Fremdkörper
wirkt.
Genau das liesse sich ja bei Improvisation auch beschreiben.
Oder ist solcher Effekt schon zu dramatisch und theatralisch?
Möglich. Dennoch, so wurde im Basler Gespräch
früh deutlich: auch hier wird das Unerwartete erwartet,
etwas Störendes, Andersartiges, dass dadurch freilich
auch klar erkenn-, erinner- beschreibbar wird. Zum Beispiel
jener Moment in einer Improvisation, als Wäldele auf
einmal eine geradezu schlichte Melodielinie zu pfeifen begann
(ein Zuhörer nannte sie bezeichnenderweise „fast
kitschig“). Was passierte daneben eigentlich ausserdem
noch? Geriet es zu Recht in den Hintergrund?
Wie in der komponierten Musik gibt es hier jene Passagen,
über die man leichter sprechen kann als über andere.
Es sind nicht nur Signale, sondern vielleicht nur Momente,
bewusst oder sogar unbewusst gesetzte, in denen ein Musiker
ein Problem löst oder sich die Musik in einer bestimmten
Weise öffnet. Jedenfalls sind sie für jeden, der
irgendwie über Musik schreibt, dankbare Objekte –
und oft auch Schlüsselstellen, um ins Innere der Musik
vorzudringen, dahinter vielleicht auch zum Komponisten.
Und doch bekommt man dabei ein etwas schlechtes Gewissen:
Hält man den Finger wirklich auf den neuralgischen
Punkt? Oder ist es nicht ungerecht gegenüber dem übrigen
musikalischen Verlauf, wenn wir nur dieses eine Moment hervorheben.
„Fidelio“ besteht ja nicht bloss aus einem Trompetensignal.
Nun ist Kritik, d.h. auch eine simple Beschreibung, immer
ungerecht, weil sie auswählen, sich also entscheiden
muss. In unserem Fall wird das doppelt schwerwiegend, denn
wollten wir nicht die freie Improvisation?
Durch unsere Worte lassen wir etwas dominieren.
Musikalisches
Gespräch?
Dabei ist der
erste Ton einer Improvisation ja schon eine Setzung. Er
kann darüber bestimmen, wie sich eine Form aufbaut
oder wie sich ein musikalisches Gespräch entwickelt.
Das nun war ein anderer Begriff, der dem der Form entgegengehalten
wurde: Gespräch, Kommunikation. Das klingt besser,
fast schon idyllisch, obwohl auch ein Gespräch von
jemandem dominiert und eine Kommunikation schlecht sein
kann, aber es wirkt weniger festgefügt. Man kann ein
Gespräch mit Esprit führen, kann sich dabei auch
langweilen, beim Thema bleiben und lange einen Gedanken
umkreisen. Man wünscht sich ein verbindliches Gespräch
und nicht nur Small Talk, und dabei erweist sich auch, ob
eine Überraschung gut war, ob sie wirklich Neues brachte,
vor allem Konsequenzen nach sich zog und Auswirkungen hatte
(muss sie das unbedingt?), gar nachhaltig wirkte. Die Interaktion
zählt. Wie sprechen und spielen Personen miteinander?
Unbeantwortet bleibt auch hier die Frage, wie ich das beschreibe
und wie ich die Qualität dieses gemeinsamen Musizierens
einschätze? Vielleicht muss ich zunächst einmal
feststellen, dass eine Improvisation, auch wenn sie prinzipiell
alles Mögliche enthalten könnte, nicht alles enthalten
muss. Eine gewisse Vielfalt wäre also gefragt im Spielfeld
zwischen Verbindlichkeit und Abwechslung, zwischen Konsequenz
und Überraschung, das alles aufeinander bezogen. Könnte
man davon für eine Beschreibung ausgehen?
Und die völlige
Freiheit? Wo bleibt die?
Thomas Meyer
Badische
Zeitung , 16. Mai 2009
Einswerden
mit dem Bauch
Freie Improvisation
im Kesselhaus in Weil am Rhein
Improvisation,
das ist vor allem Zuhören, sich einbringen unter Absehung
von Per- son, Rang und Stand, ist Einswerden mit dem Augenblick,
mit dem hörenden Bauch, der schneller ist als der Kopf.
So die Aussagen der vier Improvisationskünstler nach
ihrem Spiel im Weiler Kesselhaus am Donnerstag in der vom
Publikum eifrig mitgestalteten Diskussion,
„Versus“
heißt das diesjährige Motto der Veranstaltungsreihe
zur Freien Improvisation. Zu diesem Thema begegneten sich
die Organisatoren Hansjürgen Wäldele und Nicolas
Rihs sowie die Gäste Malcolm Goldstein und Matthias
Kaul als zwei unabhängig voneinander bestehende, lange
Zeit aufeinander eingespielte Improvisationsduos. Mit „Versus“
hatten sie sich nicht nur vorgenommen, ihr je spezielles
Gegenüber zu demonstrieren, sondern sich darüber
hinaus die Frage gestellt, ob und wie ihre Improvisation
in eine Interaktion treten würde ein gemeinsames Gegenüber
sozusagen. So stellten sie zunächst sich in ihren Zweierformationen
vor, um danach eine Gruppenimprovisation zu viert zu versuchen.
Hansjürgen Wäldele, Oboe, und Nicolas Rihs, Fagott,
versus Malcolm Goldstein, Violine, und Matthias Kaul, Schlagzeug,
das ist gleichbedeutend mit strukturierter Ruhe versus nervösem
Kontinuum, Interaktion versus Inkorporation, Farbgemälde
versus Kohle-Zeichnung. Die philosophische Dimension ist
unverkennbar und auch deren Auswirkungen auf die Spielweise.
Oboe und Fagott, das sind zwei, die einander im Zusammenklang
finden, sich selbst und zugleich gegenseitig einander nachspüren,
die gemeinsam eine Linie gebären, sich auch manchmal
gegeneinander behaupten.
Wäldele entlockt
jedem Teil seines Instru- mentes faszinierende Töne,
Rihs experimentiert mit verschiedensten Mundstücken.
Darüber hinaus kommunizieren die beiden quasi innermusikalisch,
benutzen ihr Hintergrundwissen, ihre Kenntnis der Formensprache.
Auch melodische Floskeln lassen sie zu, intensivieren sie,
betrachten sie von allen Seiten und verändern sie dadurch
in ihrer Aussage, ein Spiel mit Hörerwartungen und
Pointen.
Alleinige
Maßgabe ist der Augenblick
Malcolm Goldstein und Matthias Kaul zielen, wenn man so
will, einzig auf Verei- nigung. Alleinige Maßgabe
ist der Augenblick, das Hier und Jetzt. Goldstein versucht
jegliches Denken auszuklammern Improvisation als reines
Aufgehen im Gegenüber. Gemeinsame Intensitätswellen
entstehen, Phasen von Eskalation und Beruhigung. Auch wechselnde
Stimmführungen sind zu erkennen, Wiederholungen, die
sich zugleich verdichten, indem zusätzliche Elemente
aufgenommen werden und damit doch (auch musikalische) Formungsprinzipien.
Grundsätzlich in des spürt man eine gewisse Scheu,
die Geige als Melodieinstrument einzusetzen, während
Schlagzeuger Matthias Kaul bereits mit seinem Instrumentarium
deutlich macht, dass Improvisation auch Ausweitung herkömmlicher
Hörgewohnheiten bedeutet.
Am Ende wurde der Klang eindeutig zum übergreifenden
Gestaltungsmerkmal. Im Zusammenspiel aller vier Improvisationskünstler
wurde er mit der Intensität des Hineinhorchens in das,
was da entstand, immer deutlicher spürbar, ob in der
Übernahme der hohen Töne des Oboenmundstücks
durch die Geige oder in dem bauchigen Klang einer gestrichenen
Trommel, die sich an die Seite des tiefen Fagottregisters
gesellte. Am Schluss traten die vier Künstler in eine
Phase wirklichen Quartettspiels ein, deren innerer Spannungsbogen
in einer von Zuhörern wie Musikern gleichermaßen
intensiv gespürten Stille als Höhepunkt endete.
Karin Steinebrunner
Badische
Zeitung , 23. April 2009
Diskurs
in Wort und Musik
Die Reihe "Aspekte
der freien Improvisation Versus" wird am Freitag, 24.
April, 19 Uhr, im Kulturzentrum Kesselhaus in Weil-Friedlingen
mit "Vier Thesen und deren Diskurs in Wort und Musik"
fortgesetzt. Mit dabei sind Laura Newton, Vokalistin, Fritz
Hauser, Schlagzeug und Percussion, Hans Jürgen Wäldele,
Oboe, sowie Nicolas Rihs, Fagott.
Fritz Hauser ist ein Basler Schlagzeuger und Komponist.
Mit seinen Solo-Projekten hat er "neue Räume in
der Perkussionsmusik geöffnet" und einen wichtigen
Schritt zur Entwicklung des Schlags vom Rhythmusgerät
zum eigenständigen Instrument vollzogen (Kunzler).
Hauser studierte am Konservatorium in Basel klassisches
Schlagzeug und gehörte von 1972 bis 1980 der Artrock-Gruppe
"Circus" an, mit der auf internationale Tourneen
ging und vier Alben aufnahm. Anschließend arbeitete
er mit der Gruppe "Blue Motion", aber auch mit
Ensembles im Bereich der Alten Musik und der Avantgarde.
1983 trat er erstmals mit einem abendfüllenden Solo-Programm
auf (CD "Solodrumming") und ging auf internationale
Tournee. Er entwickelte spartenübergreifende Arbeiten
mit der Tänzerin/Choreografin Anna Huber, dem Architekten
Boa Baumann. Kompositionen für Schlagzeugensembles
und –solisten, Klanginstallationen Therme Vals, Castel
Burio, Architekturmuseum Basel), Radiohörspiele und
Lesungen.
Auf dem Gebiet der improvisierten Musik spielt Hauser mit
zahlreichen Musikern zusammen wie Urs Leimgruber, Joëlle
Léandre, Marilyn Crispell, Christy Doran, Pauline
Oliveros, Lauren Newton, Joe McPhee, Franz Koglmann. Patrick
Demenga oder Bob Becker.
Badische
Zeitung , 28. April 2009
Die
Risiken der Musik des Momentes
Auf dem Tisch
liegen Schlägel, Stöcke, Becken und anderes Perkussionsmaterial,
das schwer auszumachen ist. Dahinter sitzt aufrecht Fritz
Hauser, neben sich die große Trommel aufgebaut, die
er gelegentlich leicht schlägt. Mit seinen Projekten
hat Hauser der Perkussionsmusik neue Räume geöffnet.
Nicht mit Lautstärke und elektronischen Effekthaschereien,
sondern mit der Erforschung der Stille ist der Basler bekannt
geworden. Die Stille ist integraler Bestandteil seiner Klangwelt,
der auf kongeniale Weise die Vokalistin Lauren Newton entspricht.
Die beiden haben im Lauf der Jahre in unterschiedlichen
Konstellationen immer wieder zusammengearbeitet. Ihr Duo-Konzert,
das dritte einer Reihe, die "Aspekte der Freien Improvisation"
erforscht, fand jetzt im Weiler Kesselhaus statt.
Das Konzert war alles andere als vorhersehbar: es gab kein
Stück, keine Komposition und keine Absprachen, ganz
dem Zweck der Reihe entsprechend, die von Konfrontation,
Auseinandersetzung und Widerständen lebt. Davon gab
es bei diesem famosen Duo eine Menge, gespeist freilich
aus den gemeinsamen Erfahrungen mit den Möglichkeiten
und dem Material. Lauren Newton setzt ihre perkussiv orientierte
Stimme gezielt mit und gegen Hausers Farbtupfer ein. Fragile
Vokalisen entspringen ihr, Atem und Luft verdichten sich
rhythmisch. Klar austarierend, fein ziselierend und klar
strukturierend agiert der Perkussionist, stets sensibel,
konzentriert, aufmerksam. Die Vokalistin schreitet mutig
die beiden überschaubaren Publikumsreihen ab, spürt
die Energie, verstärkt ihre Laute. Derweil ergeht sich
Hauser in kratzende Geräusche, erzeugt durch weiches
Beckenspiel, das dunkle Bassfrequenzen ergründet. Nach
einer halben Stunde finden die beiden Akteure einen gemeinsamen
Abschluss, der in Newtons Ausruf "Disappear" gipfelt.
Mit diesem Verschwinden sind die Aspekte noch nicht zu Ende,
im Gegenteil: es werden neue Klangbilder geriert. Die sakrale
Stille im Saal setzen die veranstaltenden Vordenker der
Reihe, Nicolas Rihs und Hansjürgen Wäldele, auf
ihren Instrumenten fort. Rihs ringt durch Manipulation des
Mundstücks dem Fagott vokale Qualitäten ab und
schreckt auch vor krächzenden Geräuschen nicht
zurück. So unkonventionell er sein Instrument handhabt
und auch schon mal Luft in und durch die Klappen jagt, so
vorsichtig geht Wäldele zu Werke. Seine Oboe bleibt
weitgehend dem gewohnten Klangbild verhaftet. Nach Rückkehr
des beeindruckenden Duos versuchen nun die vier Musiker
gemeinsam, neue Klangfelder zu erforschen, überkommene
Gewohnheiten auszuloten. Doch während das Duo gut harmoniert,
wie zu erwarten, bleiben die beiden Bläser fast außen
vor. Musik, die im Moment entsteht und der Philosophie des
Augenblicks erliegt, birgt Risiken, die es gemeinsam zu
meistern gilt. Diese Erkenntnis begleitet die komplette
Reihe, wie im anschließenden Publikumsgespräch
mit den Protagonisten thematisiert wurde.
Reiner Kobe
Badische
Zeitung , 21. März 2009
Die
Dissonanz als Sprache unserer Zeit
Die Rollen
sind dieses Mal neu verteilt. Im vergangenen Jahr hatten
sich der Oboist Hansjürgen Wäldele und der Fagottist
Nicolas Rihs für ihre Improvisationsreihe jeweils einen
Gast eingeladen und sich mit diesem zu einem Trio zusammengefunden.
Bei der Neuauflage von "Aspekte der Freien Improvisation"
sieht die Vorgabe nun anders aus: Zwei Duos treten nebeneinander,
ja auch gegeneinander an. Es wird abwechselnd gespielt,
also nicht gemeinsam im Quartett, wobei aber kleine Überlappungen
oder spontanes Einklinken schon mal drin sind. Vielmehr
geht es um Gegenüberstellungen, um Kontrapunkte, um
These und Antithese, die in den Raum gestellt werden, aber
auch um das Einander-Zuhören und Aufeinander-Reagieren.
Und natürlich, wie immer beim Improvisieren, um das
Unvorbereitete, das Überraschende, das Gestalten von
Klängen aus dem Moment.
Eine nicht
ganz einfache Situation, aber spannend, wie sich beim Auftaktkonzert
der Improvisations-Serie 2009 unter dem Titel "Versus"
im Weiler Kesselhaus zeigte. Wäldele und Rihs begegneten
der Pianistin Claudia Ulla Binder aus Zürich und dem
Londoner Saxofonisten John Butcher. Da saßen sich
also zwei Duos gegenüber, die jeweils bestens aufeinander
eingespielt sind. Außerdem vier in Sachen Improvisation
außerordentlich erfahrene und geübte Musiker.
Ein Klavier
und drei Bläser – das ist schon von der Klanglichkeit
her keine leichte Sache für die Frau an den Tasten.
Claudia Ulla Binder nutzt auch das Innere des offenen Klaviers
als weites Experimentierfeld zur Klangerzeugung, verwendet
Klanghölzer, mit denen sie an den Tasten oder am Resonanzboden
entlangfährt, erzeugt damit spezielle Effekte, schlägt
die Tasten auch mal mit den Ellbogen an oder lässt
Anklänge an Schönberg einfließen. Spürbar
konzentriert gibt sich die Pianistin ganz ihren Gedanken
am Klavier hin. Ihr Duopartner John Butcher spielt ebenso
geschickt mit dem erweiterten Klangspektrum seines Instruments,
mit Flatterzungen-ähnlichen Effekten und mit Anblasgeräuschen,
benutzt auch mal das Knie als Dämpfer, arbeitet überhaupt
viel mit Geräuschhaftem.
Auf der anderen
Seite des Raums beginnen Hansjürgen Wäldele und
Nicolas Rihs ebenfalls ihre Klänge zu suchen, eigene
neue Klänge zu finden, wobei die Stärke ihrer
Improvisation im Spontanen, im Zufallsgenerierten, aber
auch im Humor liegt. Auch bei ihnen wird Klang und Geräusch
zur Einheit. Bläsertechnisch werden Oboe und Fagott
experimentell und sehr originell eingesetzt. Manchem Zuhörer
fallen gerade bei den Fagott-Improvisationen spontan Bilder
ein, Klangassoziationen von Urzeitlichem, von Natur- und
Tierlauten, von Mammuts, von trompetenden Elefanten, einer
fühlte sich gar an Peter und der Wolf erinnert.
Was auffällt
und was auch bei dem anschließenden Gespräch
diskutiert wird: Es sind vorwiegend dissonante Klänge
bei diesen Sets zu hören, wohl als Sprache und Harmonik
unserer Zeit. Aber gerade in solchen Dissonanzen liegt auch
viel Reiz und Assoziationsraum. Ein, zwei Mal geht es mit
den Musikern durch und sie steigen kurz ein ins fremde Terrain
des anderen Duos – etwa, als sich der Saxofonist einmal
bei seinen Bläserkollegen einklinkt: Das sind dann
echt starke Momente, in denen die dichte und konzentrierte
Improvisations-Atmosphäre aufgelockert wird.
Die Reihe "Versus"
setzt sich bis Ende Juni mit weiteren Konzerten und Matineen
fort, zu denen Wäldele und Rihs Duos in verschiedener
Besetzung, aber auch Komponisten, Autoren und Kritiker als
Wortgäste einladen, die das Gehörte dann diskutieren.
– Am Sonntag, 22. März, 11 Uhr, spielen die beiden
Duos in der Imprimerie Basel bei einer Matinee mit Wort
und Musik. Die nächsten Konzerte im Kesselhaus Weil
am Rhein sind am 24. April, 19 Uhr, mit den Gästen
Lauren Newton (Stimme) und Fritz Hauser (Schlagzeug) sowie
am 14. Mai, 19 Uhr, mit Malcolm Goldstein (Violine) und
Matthias Kaul (Schlagzeug).
Roswitha Frey
Bieler Tagblatt,
16. März 2009
Auseinandersetzung
statt Konsens
Insgesamt vier Matineen und neun Konzerte
in vier Städten: Bekannte Musikschaffende wie Lauren
Newton und Jacques Demierre bringt die sechste Ausgabe von
Aspekte der Freien Improvisation nach Biel und wird vom
Duo Claudia Ulla Binder-John Butcher eröffnet.
Der Fagottist
Nicolas Rihs aus Biel und der Oboist Hansjürgen Wäldele
aus Weil am Rhein spielen seit Jahren zusammen und organisieren
die jährlich stattfindende „Aspekte“-Reihe.
Im Duo machen Sie nicht nur Musik mit viel Improvisation,
sondern bespielen auch Räume, spielen bewusst in und
mit ihnen.
Grosses
Interesse in Biel
An den letztjährigen Konzerten hatten sie Spielpartner
zu zwölf Heimspielen und vier Finals mit Begegnungen
in Musik und Wort in sieben Städte eingeladen. In Biel
beantworteten die Musizierenden anschliessend Fragen aus
dem Publikum zur gespielten Musik. Die Fussball-Terminologie
wurde in etwas ironischer Anspielung an die Euro.08 gebraucht.
Nicolas Rihs ist erstaunt über das Interesse an der
Veranstaltung insbesondere in Biel.
Gastgeber
spielen mit
Der Erfolg hat die Veranstalter und Musiker ermutigt,
für die Ausgabe 2009 international bekannte Duos einzuladen.
Die Gäste stehen im Vordergrund, die zwei Gastgeber
spielen laut Rihs in der Regel mit, sie würden ihre
Rolle aber erst kurz vor und während des Konzerts mit
den Eingeladenen definieren.
Klassik,
Jazz und mehr
Saxophonist John Butcher und Pianistin Claudia
Ulla Binder eröffnen die vier Konzerte im Atelier Pia
Maria in Biel. „Ich habe die beiden am Ear We Are
2007 in Biel gehört“, so Nicolas Rihs, „als
brilliant in der Zurückhaltung und differenziert in
der Expressivität habe ich das Duo erlebt.“ Er
lobt auch das feinfühlige Zusammenspiel und das blinde
Vertrauen zwischen den beiden. „Andere auftretende
Duos sind heterogener wie zum Beispiel Lauren Newton, Stimme
& Fritz Hauser, Schlagzeug oder legen mehr Wert auf
Performance wie Malcolm Goldstein, Violine & Matthias
Kaul, Schlagzeug “. Stilistisch kommen die Beteiligten
vor allem von Klassik und Jazz her.
Duos
mit Kontrapunkt
„Wir haben vier gut aufeinander eingespiete
Duos eingeladen, deren Musik einen starken Kontrapunkt zu
der unseren setzen wird, steht im Programmheft zu aspekte.09.
Unter dem Thema „Versus“ (gegen) soll nicht
eine Gegnerschaft zelebriert werden, eher ein Aufeinandertreffen:
„Nicht der Konsens, sondern weiterführende Auseinandersetzung
bewegt uns“, führt Rihs aus.
An den Basler Matineen wird das Wort einen etwa
gleich grossen Platz einnehmen wie die Musik. Dort werden
die Duos auch auf je zwei Musikverständige treffen,
die sich gut mit der Sprache ausdrücken können:
Komponisten wie Roland Moser oder der Bieler Urs Peter Schneider,
Autor Hans-Jost Frey oder der Bieler Musikredaktor Kjell
Keller. Musikkritiker Thomas Meyer wird die Begegnungen
moderieren.
Neben Weil und Biel sind Zürich und Basel Spielorte
von aspekte.09. Die Rheinmetropole mit ihrem etwas anderen
Programm ist das eigentliche Zentrum der Konzertbegegnungen.
Das kommt daher, dass Nicolas Rihs und Hans-Jürgen
Wäldele dort musikalisch zusammenarbeiten, etwa in
der Mitte ihrer Wohnorte Biel und Weil.
Damian
Bugmann
Andreas Fatton,
Dissonanz N° 103, September 2008
Bieler Tagblatt,
19. Mai 2008
Konzentration,
Stille und Fülle
Der Fagottist Nicolas Rihs gestaltete sein Heimspiel
der diesjährigen überkantonalen Konzertreihe «Aspekte
der freien Improvisation» mit Saxophonist Philippe
Micol und dem Publikum im Atelier PiaMaria Biel.
Trotz der krankheitsbedingten
Abwesenheit des einen Gastgebers, Hansjürgen Wäldele,
findet das Heimspiel statt, jetzt im Duett statt im Trio–was
von den zwei verbleibenden mehr Konzentration und Arbeit
verlangt. Philippe Micol und Nicolas Rihs sagen, siehätten
vor etwa einem Jahr zuletzt miteinander gespielt, heute
könnten sie sich aufwärmen für die weiteren
gemeinsamen Konzerte. So wird das Heimspiel auch zum Anspiel
und vor allem zum sich aufeinander Einspielen. Meisterschafts-
Fieber, Castingshow-Euphorie und Verherrlichung des Wettbewerbs
sind «in», doch die Gastgeber Wäldele und
Rihs und ihre Gäste spielen im Konzertreigen nicht
gegen- sondern miteinander. «Wir wissen noch nicht,
was wir heute spielen, nur dass wir eine Stunde lang spielen»,
so Nicolas Rihs, sein Fagott umgehängt und die Finger
bereit. Es geht los. Dynamik und Energie Ballspiel, Synchronspiel,
Gesprächsspiel, Wandern im Nebel und im Licht: Die
Stimmungen und virtuellen Situationen wechseln, gehen ineinander
über oder ändern abrupt.Es kommen einfache Klänge
und Geräusche, Tonleiter rauf und runter, und plötzlich
sind faszinierende Zwischenschwingungen und Obertöne
da. Die beiden Musiker stehen in drei Metern Abstand mit
subtiler und nicht stilisierter Präsenzund Körpersprache.
Sie schwingen sich aufeinander ein, hören einander
zu. Blasen zusammen Bilder auf und geben sich gegenseitig
die Freiheit, diese weiterzuspinnen, auslaufen oder abbrechen
zu lassen. Einer hat freie Bahn und gibt dem anderen den
Boden, der darauf etwas entwickeln, Schnörkel, Erinnerungen,
Stimmungen, Kommentare, Parodien platzieren kann. Einer
fordert Aufmerksamkeit, plätschert, sinniert und entwickelt
mit dem anderen Dynamik und Energie. Reden und schwingen
Philippe Micol wechselt vom Sopransax zur Bassklarinette,
regt ein heiteres Gespräch und ein kleines Tierkonzert
an. Macht Klappenperkussion und entwickelt dazu eine Melodie.
Nicolas Rihs kommentiert, untermalt, verstärkt mit
seinem Instrument, drechselt und atmet eine Bassstimme.
Er inszeniert verschiedene Arten zu sprechen, sich im Reden
zu überdrehen, zu verhaspeln, sich wichtig zu machen.
Jazzschwingungen kommen von Micol und gestalten mit. Immer
wieder kontrastieren Momente der Stille und Konzentration
die Fülle, auch zwischen den Stücken. So wie die
Musiker musikalischen Klischees und Standards eigene Schwingungen
und Klänge entgegensetzen, umgehen sie Geschwätzigkeit
und Übererklärung, sei es zwischen den Musikstücken
oder wenn sie nach dem Konzert Publikumsfragen beantworten.
Publikum ist wichtig «Improvisation im Trio gibt meist
mehr Dynamik», sagt Philippe Micol auf die Frage nach
dem Unterschied zum Duett, und lasse dem einzelnen Teilnehmer
Raum für kurze Pausen. Das Duettspiel verfüge
über vielfach reduzierte Möglichkeiten, ergänzt
Nicolas Rihs, deshalb fordere es den Musiker mehr. «Wir
brauchen auch euch», betont Rihs die Rolle des Publikums,
«funktioniert dieses Zusammenspiel nicht, sind wir
abgesägt, haben wir keinen Boden.» Er habe es
schon erlebt, sagt Philippe Micol, dass sich ein unkonzentriertes,
schwatzendes Publikum durch die Kraft der Musik konzentriert
habe. Richtige und falsche Töne Es kommen auch Fragen,
die zeigen, dass die Fragenden kein Gehör haben für
die Musikwelt abseits von herkömmlichen Regeln.«Freiimprovisierte
Musik ist eine Sprache, die viele nicht verstehen, weil
sie diese selten oder nie hören», gibt Nicolas
Rihs zu bedenken. Man stösst sich unter anderem an
der gleichberechtigten Verwendung von Konsonanzen und Dissonanzen
als Stilmittel. Für Micol aber gibt es keine richtigen
und falschenTöne: «Wir sind selber Autorität.»
Nach welchen Kriterien denn ihre Musik richtig oder gut
sei, lautet die nächste Frage. Rihs: «Wir haben
eine Vorstellung, wie eine musikalische Begegnung inhaltlich
und formal funktionieren soll, tut sie dies nicht, betrachten
wir sie als nicht gelungen.»
Damian
Bugmann
Bieler Tagblatt,
15. Mai 2008
Flüchtig
und Widerspenstig
Beat Marti
Basler Zeitung,
17. April 2008
Mythos
Improvisation
Sigfried
Schibli
Bieler Tagblatt,
17. April 2008
Musikreise
mit Oboe, Fagott und Kontrabass
Beat Marti
Zürich_online,
17. März 2008
Wo Meeresschnecken
sich Respekt erspielen
«Löffelweise schleppen sie Zuversicht
durch die Pforten», näselt der Mann mit geschlossenen
Augen, eine Oboe in der Hand, seine hüftlangen Haare
über die Schulter geworfen.
Das
René Krebs Trio im Qbus
Die Pforten sind in diesem Fall die schweren Schiebetore
des Qbus-Kulturraumes, die Zuversicht bringen die drei Improvisationsmusiker
gleich selbst mit, denn sie spielen an diesem Freitagabend
vor spärlichem Publikum.Der Qbus wird von offizieller
Seite stolz als der «kleine Schiffbau der Stadt Uster»
bezeichnet. Hier soll Kultur gefördert werden. Der
Raum würde neben dem ganzen kreativen Potenzial von
Uster auch noch 150 sitzende Zuschauer fassen, die gewillt
sind, sich der Kleinkunst hinzugeben, dem Unbequemen auszusetzen,
oder sich wagemutig dem unmittelbar Erfahrbaren zu stellen.
Intuitiver Spieltrieb
Heute Abend sind es drei Musiker auf der Bühne,
die neben dem technischen Beherrschen ihrer Instrumente
jede Menge intuitiven Spieltrieb zu bieten haben. Hansjürgen
Wäldele spielt die Oboe (oder manchmal auch nur auf
Teilen von ihr), Nicolas Rihs das Fagott und René
Krebs die Trompete, sowie zwei mächtige Meeresschnecken.
Freilich ist von letzteren nur noch das Gehäuse übrig,
deren spitz zulaufendes Ende abgesägt und vom Musizierenden
als Mundstück benutzt wird. Ihr Ton klingt erwartungsgemäss
nach Wind und Meer. Der Klang vermag dennoch keinen Poseidon
heraufzubeschwören, zu irdisch ist die Geräuschkulisse
der Mitmusizierenden.
Der eingangs zitierte Wäldele harrt mit seiner Oboe
in der Hand und geschlossenen Augen der Spontaneinfälle,
die da in seinem Kopf entstehen: «Günther grinst»,
sagt er laut in den Raum. Und: «Thomas turnt. Ferdinand
furzt. Stefan steht.» Schliesslich: «Thomas
schwitzt.» Das Publikum ist baff. Im Hintergrund ein
heiteres Geschwätz von Fagott und Trompete, die bald
im gekonnten Daneben keuchen, bald aus dem letzten Loch
pfeifen, ohne sich um Harmonie oder stimmige Akkorde zu
kümmern.
Ist solche Musik kritisierbar?
Als Wäldele schliesslich sein Instrument
an die Lippen setzt, ist die Spannung perfekt: Wird die
Oboe wie eine Oboe klingen, oder wird sie kreischend anheben
wie die Plastikflöte eines Dreijährigen? Ist derlei
Musik noch kritisierbar? Die Frage schwebt wie ein Damoklesschwert
im Raum, als die Musiker sich im anschliessenden Gespräch
der Kritik des Publikums stellen.
Nein, ist sie nicht. Und daran scheint die Runde der drei
Musiker spitzbübische Freude zu haben. Ausserdem: Es
gibt kein Regelwerk, keine stilistische Vorgabe, die Geltung
hätte. Einzige Bedingung für das Improvisieren
im Trio sei hier der gegenseitige Respekt. Den Respekt des
Publikums haben sich die drei auf jeden Fall durch beeindruckenden
künstlerischen Mut und die Fähigkeit zur Selbstironie
erspielt.
Katharina
Bracher
Basellandschaftliche
Zeitung, 17. März 2008
Emotion
vs. Intellekt
In der Konzertreihe «Kritik» wird
nach Konzepten zur Bewertung von frei improvisierter Musik
gesucht
«Kritik
- Aspekte der Freien Improvisation 2008» lautet der
Arbeitstitel einer vierteileigen Konzertreihe in der Imprimerie
Basel, die sich mit der Frage beschäftigt, ob es Objektivität
bei der Beurteilung von Musik gibt. Diese Frage stellt sich
ganz besonders bei der frei improvisierten Musik, wo keine
Partitur mit objektiv nachvollziehbaren Angaben vorliegt
und die Musiker auf sie einfliessende Ideen von Spieltechnik,
Klang, Reaktionsmuster, Form, Ablauf etc. zu einem sinnvollen
Ganzen zusammen zu bringen versuchen. Streng genommen können
nur die Musiker selber beurteilen, ob dies gelungen ist
oder nicht. Beim zweiten Konzert dieser Reihe war es das
René Krebs Trio, das die Aufgabe übernahm, dem
Publikum und zwei «Kritikern» eine halbstündige
freie Improvisation vorzuspielen.
Mit ein paar intensiven Tönen auf einem kleinen Muschelhorn
eröffnete René Krebs die Improvisation, Töne,
die wenig später in weit gespannte, stufenlose Schleifer
nach oben und unten übergingen. Darauf stieg Nicolas
Rihs ein, der den dünnen Hals seines Fagotts ohne Mundstück
blies. Wie ein ruhender Pol zwischen den beiden experimentell
spielenden Mitmusikern stieg schließlich der Oboist
Hansjürgen Wäldele in die Improvisation mit ein.
Während René Krebs wiederholt sein Instrument
wechselte, mal griff er zu einem speziell präparierten
Flügelhorn, mal zur Trompete und schliesslich noch
zu einem riesigen, schön anzuschauenden Muschelhorn,
um ihnen die eigenartigsten Töne und Klänge zu
entlocken und auch Nicolas Rihs seinem Fagott ein Kesselmundstück
aufsetzte und in avantgardistischen Klangkaskaden schwelgte,
beschränkte sich Hansjürgen Wäldele eher
auf spartanisch knapp gespielte Töne und Tonfiguren.
Immer wieder war im Verlaufe dieser Performance die wohl
wichtigste Regel bei freier Improvisation hörbar: wenn
zwei das gleicht tun, setzt der dritte einen deutlichen
Kontrapunkt; wenn beispielsweise zwei der Musiker ruhige
Liegetöne spielen, legt der dritte abgehackte, schnelle
Staccato-Ketten oder nervöse Trillerfiguren darüber.
Nach dem kurzen Konzert dann kommentierten unter der Leitung
von Thomas Meyer zwei «Kritiker» das Gehörte.
Der Essayist und Kritiker Sebastian Kiefer aus Berlin erklärte,
dass ein intellektuelle Herangehensweise an frei improvisiert
Musik für ihn eher hinderlich sei und ein emotionaler
Zugang besser Resultate bei der Beurteilung dieser Musik
bringen würde. Der Komponist Roland Moser wiederum
erklärte vor allem die Neugier zur Leitidee bei der
Bewertung dieser Musik: warum hat dieser Musiker jetzt gerade
diese Phrase gespielt, warum jener nur einen Ton; und wie
hat beispielsweise René Krebs sein Flügelhorn
präpariert, an dessen Mundstück ein eigenartiges
Plastiksäckchen hing. Die drei Musiker wiederum erklärten,
dass sie sich beim Spielen in erster Linie von intuitiv-emotionalen
Kriterien leiten ließen, wobei aber natürlich
auch verstandesmäßig gefällte Entscheidungen
über Spieltechnik und Form für eine gelungene
Improvisation eine wichtige Rolle spielten.
Rolf de
Marchi
Bieler Tagblatt,
13. März 2008
Freie
Improvisation
Beat Marti
Wochenblatt,
13. März 2008
Musiker
finden gemeinsame Sprache
Aspekte der freien Improvisation im Kulturzentrum Kesselhaus
/ Gesprächsrunde im Anschluss
Well am Rhein.
Die Trompete fangt mit tiefen grummeln den Tönen an,
eine Oktave tiefer; das Fagott macht seine eigenen Einwürfe
und die Klarinette antwortet. Wir sind hier aber nicht in
der Kammermusik, im Quartett, oder dem Trio, wo man sich
gepflegt musikalisch unterhält. Wir sind auch nicht
im Jazz, wo über ein Thema improvisiert wird, wir sind
bei „Aspekten der freien Improvisation" im Kulturzentrum
Weiler Kesselhaus.
Wie klingt es also, wenn drei Musiker aus verschiedenen
Welten kommen und versuchen, eine gemeinsame Sprache zu
entwickeln? Der Oboist Hansjürgen Wäldele und
der Fagottist Nicolas Rihs kennen sich seit 20 Jahren und
kommunizieren auf vertraute improvisatorische Weise. Der
Gast-Trompeter Rene Krebs kommt vom Jazz und Free Jazz,
Wäldele ist in der Barockmusik wie in der Neuen Musik
zu Hause.
Und schließlich hat die Barockmusik viel mit Jazz
gemeinsam, sie sind gar nicht so weit auseinander wie man
vielleicht meint. Es sind verschiedene Dialekte des gleichen
Sprachphänomens, Slangs, die bei der freien Improvisation
vehement aufeinanderprallen. Denn in der Improvisation geht
es um intuitive Entscheidungen, um Klangerweiterung und
Geräuscherzeugung. Nebenbei wollen die Musiker sich
auch selbst damit vergnügen. Und wenn es gelingt, geistreich
zu formulieren, ist der Humor in der Musik nicht weit.
Natürlich gibt es auch, wenn die Drei von der Klangbaustelle
zusammen loslegen, Verständigungsprobleme, Kämpfe,
wird auch mal gegeneinander gespielt, klingt es konträr.
Aber das ist ja ein altes Prinzip der Musik, der Kontrast,
das wusste schon Johann Sebastian Bach. Daraus ergeben sich
Spannung und Entspannung, Dynamik, Dramaturgie im Stück;
manche Eingebung dieser Augenblicksmusik hat gewisse Längen
oder komische Schlüsse.
Wäldele nimmt noch die Stimme dazu: das klingt mal
wie eine singende Säge oder wie ein Theremin. Der Jazzer
Krebs bemüht sich um die rhythmischen Grundmuster,
versucht die Musik zu erspüren, ja zu „erriechen",
greift auch mal zum Muschelhorn, das dumpf dröhnt und
neue Klangfarben ergibt (schlussendlich ist der Ton physikalisch
dem Geräusch verwandt).
So kommt es zu einer ganz spontanen musikalischen Performance,
bei der es keinerlei Absprachen gibt, was gespielt wird
oder wie das Stück geartet ist. Mauricio Kagel sei
Dank, der das alles vorgemacht hat mit der Gartenschlauchtrompete!
Das Improvisieren wirft auch Fragen auf. Der „vierte
Partner", also der Zuhörer, ist schon mal verunsichert,
hat seine eigene Hörerwartung. Und so dauert die anschließende
Gesprächsrunde bei diesem „Heimspiel" fast
so lang wie das Konzert.
Meister der
freien Improvisation: Nicolas Rihs, Hansjürgen Wäldele
und Rene Krebs (von links) im Weiler Kesselhaus. Foto: Jürgen
Scharf
Jürgen
Scharf
Journal du
Jura, 11. März 2008
Les
amateurs d'improvisation musicale peuvent se réjouir
René Krebs
à la trompette (photo), Hansjürgen Wäldele
au haut-bois et Nicolas Rihs au basson monteront sur scène
pour un concert improvisé jeudi à 19h, à
l'Atelier Pia Maria, à la rue Haute 12
................
David Gaffino
Basellandschaftliche
Zeitung, 26. Februar 2008
Suche
nach klaren Kriterien
Freie Improvisation - Zwei Komponisten sprachen
in der Imprimerie in Basel darüber, wie freie Improvisation
zu beurteilen ist.
Frei improvisierte
Musik kann nicht wie die komponierte Musik anhand einer
Partitur kritisch hinterfragt werden. Improvisation entsteht
im Moment. Die Musiker versuchen dabei, ihre Ideen von Spiel-
und Satztechnik, Klang, Rektionsmuster, Form, Ablauf und
anderem relativ spontan zu einem sinnvollen «Werk»
zusammen zu montieren. Für Aussenstehende ist nur schwer
erkennbar, ob die Realisation dieser Ideen auch wirklich
gelungen ist.
Die Frage, ob es Kriterien zur differenzierten Beurteilung
von frei improvisierter Musik gibt, wurde in einer ersten
von vier geplanten Veranstaltungen unter dem Stichwort «Kritik»
in der Basler Imprimerie diskutiert. Zuerst improvisierte
das Harald Kimmig Trio mit Harald Kimmig (Violine), Hansjürgen
Wäldele (Oboe) und Nicolas Rihs (Fagott). Die drei
Musiker spielten Stücke, die suitenartig gebaut waren.
Dabei wurden furiose, rasant gespielte Passagen durch feinstes
Pianissimo oder äusserst sparsamem Einsatz des Tonmaterials
kontrastiert. Die Musiker benutzten dabei unterschiedlichste,
in der modernen Musik üblichen Spieltechniken wie Flageolett,
Flatterzunge, Multiphonics und ander kontrastreich und kreativ.
In einer Diskussion versuchten die Basler Komponisten Rudolf
Kelterborn und Roland Moser, das vorher Gehörte zu
beurteilen. Rudolf Kelterborn erwähnte, dass er die
vom Harald Kimmig Trio improvisierte Musik kaum von komponierter
habe unterscheiden können. Als Beurteilungskriterien
nannte er: «Wurde mein Interesse geweckt? Hat mich
die Musik emotional angesprochen? Wurde sie formal in der
Zeit gut ausgestaltet.
Roland Moser erklärte sich zuerst ausser Stande, frei
improvisierte Musik beurteilen zu könne, da ih klare
Kriterien fehlten. So habe sich der Posaunist und Komponist
Vinko Globokar nach freien Improvisationen stets geweigert,
darüber zu diskutieren. Moser sagte doch, dass ihn
die sichtbaren Interaktionen zwischen den drei improvisierenden
Musikern fasziniert hätten.
Der Musiker Nicolas Rihs wiederum erklärte, dass ihm
beim Spielen mindestens so wichtig wie das Resultat sei,
wie die Musik zustande komme.
Rolf de
Marchi
Wochenblatt,
6. Februar 2008
Freie
Improvisation eröffnet
Unter dem
Titel „Aspekte der freien Improvisation“ startete
am Wochenende im Weiler Kesselhaus eine neue Veranstaltungsreihe
für experimentale Musik. Hansjürgen Wäldele
(Oboe), Nicolas Rihs (Fagotte) und Harald Kimmig (Violine)
entfachten dabei auf ihren Instrumenten eine massive Geräuschkulisse,
in der jeglicher musikalischer Wohlklang strengstens verpöhnt
schien. Dafür agierten die drei Ausnahmemusiker mit
viel Witz und Temperament,was auch ihrem Publikum reichlich
Vergnügen bereitete. Fortgesetzt wird die Reihe mit
dreiweiteren „Heimspielen“ im Kesselhaus am
10. MS¹rz, 15.April und 17. Mai.Au§erdem gibt es noch
artverwandte Experimental-Musikanlässe in Biel, Freiburg,
Uster, ZŸrich, Duisburg und Basel.
xar/Foto:
xar
Badische Zeitung,
4. Februar 2008
Klanggrenzen
ausloten
Wäldeles und Rihs’ "Aspekte
der Freien Improvisation" begeistern im Kesselhaus
in Weil am Rhein
"Kritik,
12 Heimspiele und 4 Finale" so lautet der Titel der
zum 5. Mal stattfindenden Konzertreihe "Aspekte der
Freien Improvisation" . Am vergangenen Freitag fand
das Auftaktkonzert im Kesselhaus in Weil am Rhein statt.
Die Initiatoren sind Hansjürgen Wäldele, Oboe,
und Nicolas Rihs, Fagott. Das System der Konzertreihe ist
recht klar nachrechenbar: 4 Heimspiele in Weil am Rhein,
4 in Biel, je eines in Freiburg, Uster, Zürich und
Duisburg, den Heimatstätten der eingeladenen Musiker.
Die vier Finale finden in Basel statt. Hier tritt das Duo
noch einmal bei jedem Konzert mit einem der Gäste auf
und lädt noch zwei Kritiker ein, die sich in der Diskussion
der Kritik zum Thema "Aspekte der Freien Improvisation"
stellen. Hier fängt der schwierigste Teil dieses Artikels
an: die Beschreibung dessen, was sich auf der Bühne,
zwischen Bühne und Publikum und im Publikum abgespielt
hat. Dies könnte man auch als ein Perpetuum Mobile
von philosophisch-psychologischen Gedankengängen bezeichnen.
Nehmen wir der Einfachheit halber an, die Entwicklung, der
Lebenslauf und die gesammelten Erfahrungen jedes einzelnen
Musikers seien "das Ei" dieses Geschehens und
die daraus resultierende Musik "das Huhn" . Nähme
man an, die in aller Vorzeit geschriebene und gemachte Musik
sei das Ei, dann fehlt wieder das Huhn, das es gelegt hat
. . .
Nun, Harald Kimmig, Violine, Gast dieses ersten Abends,
geht bei seiner kritischen Auseinandersetzung mit diesem
Thema davon aus, dass auch improvisierende Musiker "das
Rad nicht neu erfinden" . Jeder Musiker bringt verschiedene
Fähigkeiten und Potenziale mit wie Motorik, Emotion,
außermusikalische Gedanken und seine musikalische
Ausbildung und die darin gemachten Erfahrungen, sein Wissen
und Können ein. Dann begeben sich alle Musiker in die
Konzentration auf den Augenblick und lassen es geschehen.
"Was uns erwartet, wissen wir selbst nicht, . . . ,
aber das mit größt möglicher Präzision"
. Es folgten drei Teile, die eine interessante Entwicklung
zeigten. Den ersten beschreibt Kimmig im Programmheft: "In
dieser Gegenwärtigkeit trifft man immer neue Entscheidungen,
verwirft Klänge, verfeinert sie." Dies alles inklusive
der Ausreizung verschiedenster Möglichkeiten, die ein
Instrument bietet. Das Fagott bekam ein Trompeten- Mundstück,
Oboe und Fagott spielten mal ohne mal mit Rohrblatt oder
mit Einzelteilen ihres Instruments. Ein Saiteninstrument
gibt naturgemäß viele Möglichkeiten her.
Im zweiten Teil zeigten sich alte Einflüsse: jazzige
Elemente focussierten sich. Zudem setzte Wäldele die
Stimme ein. Vom russisch klingenden Erzähler bis zum
Jodler überschritt er die Grenzen hin zur Performance,
was das Publikum erreichte. Nachdem diese Brücke geschlagen
war, heizten dessen Reaktionen das Geschehen an. Dabei reichten
die Geschehnisse vom konzentrierten Nickerchen über
diffuse Gefühle in der Magengegend bis hin zum herzhaften
Lacher. Der letzte Teil offenbarte ein wenig der gruppendynamischen
Einflüsse und zeigte psycho-soziologisch betrachtet
die Führungspersönlichkeiten und Macher. Das Publikum
war begeistert.
Regina
Bernstein
Wochenblatt,
5. Februar 2008
Voller
Spontaneität und Experimentierlust
Walter Bronner
Basellandschaftliche
Zeitung, 22. Februar 2008
Kann
Frei improvisierte Musik beurteilt werden?
In einem Symposium in der Basler Imprimerie
sollen Kriterien erarbeitet werden, die eine kritische Beurteilung
Frei improvisierter Musik ermöglichen soll.
Wenn ein Musikkritiker
die Aufführung eines klassischen Werkes wie beispielsweise
Ludwig van Beethovens 5. Sinfonie beurteilen muss, dann
kann er Anhand einer Partitur mehr oder weniger objektiv
überprüfen, ob die Interpreten die Vorgaben des
Komponisten einhalten oder nicht: wird ein Piano wirklich
Piano gespielt, wird ein vorgeschriebenes Ritardando ausgeführt
oder nicht etc. Dass bei solchen Urteilen allerdings auch
gefühlsbedingt, subjektive Kriterien hineinspielen,
ist fast unvermeidlich.
Wesentlich schwierige sieht die Situation bei der sogenannten
«Frei improvisierten Musik» aus, da diese ohne
notierte Partitur mit objektiv beurteilbaren Angaben realisiert
wird. Aus dem Moment heraus versucht der Musiker, die auf
ihn einfliessende Ideen von Spiel- und Satztechnik, Klang,
Rektionsmuster, Form, Ablauf etc. zu einem sinnvollen «Werk»
zusammen zu montieren. Streng genommen weiss nur der frei
improvisierende Musiker selber, ob seine Interpretation
gelungen ist oder nicht. Für Aussenstehende ist bei
einer Freien Improvisation kaum erkennbar, ob die Realisation
der Ideen auch wirklich gelungen ist, was natürlich
gerade für Musikkritiker ein großes Problem ist.
Die Frage, ob es überhaupt möglich ist, ein Werk
ohne Partitur oder Tonaufzeichnung halbwegs objektiv zu
beurteilen, wird in den kommenden Monaten in insgesamt vier
Veranstaltung in der Imprimerie an der St. Johanns-Vorstadt
19/21, Basel erörtert. Eingeladen zu diesem Projekt
unter dem Titel «Kritik der Frei improvisierten Musik
- wie kann Qualität beurteilt werden» haben die
beiden in der freien Szene besonders aktiven Musiker Hansjürgen
Wäldele und Nicolas Rihs. Morgen Sonntag 24. Februar
wird um 11:00 Uhr in der Imprimerie das Harald Kimmig Trio
mit Harald Kimmig (Violine), Hansjürgen Wäldele,
Oboe) und Nicolas Rihs (Fagott) spielen. Deren Musik wird
anschließend von den Komponisten Rudolf Kelterborn
und Roland Moser beurteilt werden. Des weiteren ist auch
ein vom Musikkritiker und Musikjournalist Thomas Meyer moderiertes
Gespräch mit dem Publikum geplant.
Rolf de
Marchi
Schweizer Musikzeitung
Nr. 2 / Februar 2008
Le
son des animaux en plastique
Les auteurs des différents articles que
nous publions ce mois-ci ne se sont évidemment pas
concertés. Le choix des sujets n'a été
dicté que par le hasard et les aléas du calendrier.
Pourtant, des parallèles se dessinent. La facture
instrumentale fait parler d'elle à la fois dans la
présentation des prochaines Rencontres harmoniques
(page 13) et au travers du luthier Pupunat (page 9). Certes,
ce rapprochement-là est facile.
J'aimerais toutefois tirer un lien entre deux autres articles
:
celui de Rudolf Kelterborn traitant de l'« avant-garde
sousjacente » de Mozart (page 19) et celui de Dieter
A. Nanz sur l'improvisation libre (page 5). Le premier nous
décrit un univers rassurant où la nouveauté,
voire l'audace, sont bien présentes, mais où
elles n'apparaissent qu'en tant que subtiles démarcations
d'une convention bien établie. C'est dans cet état
d'esprit que travaillent la plupart des facteurs d'instruments,
d'ailleurs, en procédant par petites touches, par
infimes améliorations.
L'improvisation libre, elle, élimine pratiquement
tout repère. Elle ne part de rien, ni thème
donné, ni structure métrico-rythmique, ni
forme prédéterminée. C'est un art difficile
d'accès donc, pour l'auditeur s'entend. Car pour
la plupart d'entre nous, une bonne partie du plaisir de
l'écoute musicale vient de notre capacité
à en comprendre quelque chose : en repérant
un thème et ses variations, en percevant la pulsation,
en ayant prévu le retour de la tonique au moment
où elle apparaît. On peut se demander dès
lors quel plaisir différent procure l'audition d'un
concert où le musicien remue des animaux en plastique
sur un tambour et l'écoute de sa machine à
laver durant un programme de nettoyage complet.
D'où la nécessité – du moins
supposée par les auteurs – d'expliquer leur
démarche, de la justifier par les mots. On pourrait,
comme le souhaite Dieter A. Nanz, écouter cette musique
dans un autre état d'esprit, une autre forme d'intelligence,
pour l'apprécier sans pour autant l'expliquer verbalement.
Je veux bien apprendre à écouter de cette
manière-là, et peut-être, qui sait,
changer d'avis. Mais pour cela, j'aurais besoin… qu'on
m'explique.
Jean-Damien
Humair
Der Klang von Plastiktierchen
Die Autoren der Artikel in der vorliegenden SMZ
haben sich offensichtlich nicht untereinander abgesprochen.
Die thematische Zusammenstellung beruht allein auf dem Zufall
und den Vorgaben des Terminkalenders. Dennoch zeichnen sich
verschiedene Gemeinsamkeiten ab. So kommen etwa instrumentenbauliche
Aspekte sowohl im Bericht über die diesjährigen
Rencontres harmoniques (Seite 13) wie in der Geschichte
des Geigenbauers
Pupunat (Seite 9) zur Sprache. Diese Parallele liegt auf
der Hand.
Ich möchte aber noch eine ganz andere Verbindungslinie
ziehen: zwischen dem Artikel von Rudolf Kelterborn über
den «untergründigen Avantgardismus» bei
Mozart (Seite 19) und demjenigen von Dieter A. Nanz über
das freie Improvisieren (Seite 5). Im ersten wird ein vertrautes
Universum beschrieben, in dem wohl Neuigkeit, ja Kühnheit
vorkommen, die jedoch nur in subtiler Absetzung von fest
etablierten Konventionen auftreten. Das entspricht übrigens
ziemlich genau der Vorgehensweise der meisten Instrumentenbauer
in kleinen Arbeitsgängen und mit winzigen Verbesserungen.
Das freie Improvisieren hingegen gibt jeglichen Bezugspunkt
auf. Es geht von nichts aus, weder von einem Thema, noch
einer metrisch-rhythmischen Struktur, noch einer bestimmten
Form. Eine Kunst also, die schwer zugänglich ist –
für das Publikum, versteht sich. Denn für die
meisten von uns besteht das Vergnügen am Musikhören
zu einem grossen Teil darin, die Musik zumindest teilweise
zu verstehen: ein Thema und seine Variationen auszumachen,
den Puls zu fühlen, die Rückkehr der Tonika genau
dort vorauszuspüren, wo sie dann auch kommt. Man kann
sich also fragen, ob das Hörvergnügen an einem
Konzert, bei dem ein Musiker mit Plastiktierchen über
eine Trommel wackelt, so anders ist, als wenn man einer
Waschmaschine bei einem kompletten Waschgang zuhört.
Daher auch die – zumindest von den Autoren empfundene
– Notwendigkeit, ihr Tun mit Worten zu erklären.
Man könnte diese Musik aber auch – wie Dieter
A. Nanz es sich wünscht – mit einer anderen Geisteshaltung,
mit anderen Formen der Intelligenz hören und sie ohne
verbale Erklärungen geniessen. Ich würde diese
Form des Hörens gerne erlernen und, wer weiss, vielleicht
auch meine Meinung ändern. Das aber müsste man
mir erst ... erklären.
Jean-Damien Humair
Journal du
Jura, 31. Januar 2008
Entre
folle impro et critique sur le vif
Le violoniste
Harald Kimmig est le premier invité de cette série
de concerts d'improvisation
................
David Gaffino
musiktexte
114, August 2007
Improvisieren
und Forschen
Gedanken
am Rande der Basler Improvisationsmatineen
Die Perspektive des Improvisierens hat sich in den vergangenen
Jahrzehnten auf spektakuläre Weise verbreitert. Die
Präsenz des Jazz an den Musikhochschulen ist eine Selbstverständlichkeit
geworden. Spezialisierte Ausbildungsgänge widmen sich
der Improvisationspraxis des Generalbasszeitalters, die
Arbeiten Paul van Nevels machen gar das super librum cantare
der Renaissance wieder greifbar. Der Improvisation geht
es also gut, und dennoch repräsentiert sie weiterhin
nur eine kleine Nische im westlichen Musikbetrieb. Im Bereich
der populären Musik hat sie eigentlich nur noch in
den Gitarrensoli des Heavy Metal ein Revier, und im Jazz
war es kein Geringerer als Keith Jarrett, der über
den Mangel an Anerkennung für improvisierte Musik klagte.
Dem improvisierenden Musiker schlägt Misstrauen an
seiner Handwerklichkeit entgegen: Der spielt doch nur, was
er nicht üben muss… (und was er üben würde,
würde er wohl nicht hinkriegen…) Trotz Tonträgern
bleibt diese Musik flüchtig, sie sperrt sich gegen
eine Etablierung zum soliden Konzertrepertoire, und ebenso
widerspenstig verhält sie sich gegen das Bedürfnis,
über handfeste Bewertungskategorien als Unterpfand
für Urteil und Analyse (und damit über Sicherheit)
zu verfügen. Vielleicht gerade deshalb ist der improvisierende
Musiker aber auch Objekt heimlicher Bewunderung. Man ahnt,
dass hier, in dieser „Feier des Jetzt“, wie
Peter Niklas Wilson Improvisation genannt hat, im Anspruch,
sein eigener Meister zu sein, Authentizität stattfindet.
Die Spontaneität des Improvisierens ist ein Versprechen
von Befreiung, nämlich von der Despotie der Partitur.
Die Unmittelbarkeit des Hörens entthront das Primat
des Sehens, und so ist Improvisation auch der Traum der
„klassischen“ Musik, etwa so, wie die Bohème
der Traum der Bourgeoisie ist...: Partiturmusik ist sesshaft.
Die Rede ist im Folgenden von jener Improvisation, die sich
in einer sympathischen Mischung aus Unbeholfenheit und Anmassung
die „freie“ nennt, oder die „nicht-idiomatische“,
ein formal negativer Ausdruck, der sie (als „nicht-topische“)
mit einem Hauch von „Utopie“ umgibt. Der Auslöser
für eine Musik, die mit einem enormen, revolutionären
Rundumschlag Konventionalität verweigerte – Konventionen
der stilistischen Bindung, der Rhythmik, Melodik, Form…
kurzum alle Elemente des Wiedererkennens – ist ganz
präzis auf das Jahr 1960 zu datieren, und zwar auf
Abbey Lincolns epochalen, alles zerreissenden Schrei in
Max Roachs We Insist! Es folgten Ornette Coleman, und Albert
Aylers rasende Geisterbeschwörungen. Auf einer andern
Ebene der Radikalität fanden zeitgleich die verspielten
Events des Fluxus statt. Einige Jahrzehnte nach diesen vulkanischen
Eruptionen, deren Radikalität immer auch (kultur)politisch
war, hat sich die freie Improvisation ihrer extravertierten
Haltung entledigt. Zaghaft setzt sie schon mal einen Fuss
in die Musikhochschulen – aus denen notabene die meisten
ihrer Adepten inzwischen hervorgehen. Der improvisierten
Musik insgesamt ist sie, was die zeitgenössische der
etablierten Kunstmusik: eine konzentrierte, intensive musikalische
Auseinandersetzung, eine willentliche Herausforderung für
ein kleines Publikum (das in diesem Fall manchmal schon
wie eine geheime konspirative Versammlung anmutet). Und
so, wie zeitgenössische Musik von eindringlicher intellektueller
Selbstbefragung und -darstellung begleitet wird, denken
auch die Musiker der freien Improvisation seit einigen Jahren
vermehrt über ihr Tun nach. Debatten finden statt:
Was geschieht beim Improvisieren, wie werden musikalische
Entscheidungen getroffen, wie kann Qualität beurteilt,
wie Form gewonnen, wie zwischen Einschränkung und Grenzenlosigkeit
vermittelt werden… Die Hartnäckigkeit, mit der
sie immer noch da ist, die Unbeirrbarkeit, mit der am radikalen
Musikerfinden aus dem Moment festgehalten wird wie an einem
endlosen Forschungsprojekt, die Erfahrung, dass die vielfältigen
Experimente sich allmählich zu Geschichte verfestigen,
haben ganz natürlich dazu geführt, dass freie
Improvisation sich dokumentiert, befragt und analysiert.
Dass damit auch dem Misstrauen an ihrer Fasslichkeit entgegengewirkt
wird und ihr vielleicht „akademische“ Legitimität
zuwächst, spielt als Wunsch bei dieser Introspektion
sicher mit. Die rotglühende musikalische Lava der 60er
Jahre ist abgekühlt, man beginnt, das unwegsame neue
Atoll zu vermessen – um es zu besiedeln. Das spricht
auch für die Authentizität der Sache.
Spontaneität und Reflexion
In diesem Spannungsfeld situierte sich die Basler
Veranstaltungsreihe Aspekte der freien Improvisation. Sie
fand dieses Jahr zum vierten Mal statt. Das Konzept der
Veranstalter Nicolas Rihs (Fagott) und Hansjürgen Wäldele
(Oboe) ist es, an vier Veranstaltungen je einen Gast zum
Trio einzuladen, der zudem seine Annäherung ans Improvisieren
thematisieren und zur Diskussion stellen soll. Zum Thema
„Vom Potential einer musikalischen Geste“ präsentierten
der Vokalist und Komponist Mischa Käser, der Performancekünstler
Matthias Schwabe, die Schlagzeugerin Sylwia Zytynska und
der Computermusiker Peter Baumgartner ihre Arbeit. Sie legten
vier völlig unterschiedliche Versuche vor, Improvisieren
und Nachdenken zu verbinden. Was Letzteres betrifft, wählte
Mischa Käser einen empirischen Ansatz, er machte aus
dem Thema die Frage „Was ist eine musikalische Geste?“
und verlas Antworten, die er von zahlreichen Musikern erhalten
hatte. Die allerdings reichlich langweiligen Statements
wurden zum Anlass für Stimmimprovisationen, in denen
die Wörter mit zuweilen atemberaubender Virtuosität
ironisiert, zerschnetzelt und durcheinander gewürfelt
wurden. Anders Matthias Schwabe: Er gab einen historischen
Rückblick über 20 Jahre Arbeit mit seinem Berliner
Improvisationstrio Ex Tempore und referierte über das
Konzept, „Hörbares sichtbar und Sichtbares hörbar“
zu machen. Als „umgekehrtes Gesamtkunstwerk“
solle durch die Simultaneität mehrerer Medien die Komplexität
einfacher Vorgänge hervorgehoben werden. Während
Improvisation und Reflexion bei Käser szenisch ineinander
verflochten wurden, waren die Materialperformances von Schwabe
Anschauungsbeispiele im Rahmen eines Vortrags.
Diametral entgegengesetzt dann die Ansätze von Zytynska
und Baumgartner. Die Schlagzeugerin fand eine nahe liegende
Verbindung von Kreativität und Theorie: sich selbst.
Improvisierte Musik wechselte sich ab mit der Geschichte
ihres eigenen Werdegangs, kurzen Texten, die sie zuvor auf
Kassette gesprochen hatte. Zum Schluss wurde das Publikum
mit kulinarischen Kostproben ihrer polnischen Heimat verwöhnt:
Randensuppe, Streuselkuchen und Wodka. Solche Konkretion,
solche Präsenz des „Ich“ dezidiert von
sich zu weisen war der Anspruch des Computermusikers in
seiner Präsentation „Kritik der Geste“.
Baumgartner verzichtete darauf, mit Rihs und Wäldele
im Trio aufzutreten und setzte das Publikum vor die geöffneten
Fenster. Sehr diskrete, nicht unbedingt improvisierte synthetische
Klangbänder verschmolzen mit Umweltklang: Strassenbahn,
Vögel, Kirchglocken. Der Akteur postierte sich –
eine ambivalente Situation – hinter dem Publikum.
Geniessen und Verstehen
Das Publikum war von einem unerschütterlichen
Willen zu ernsthafter Kunsterfahrung beseelt. Reelle Situationskomik
ergab das dann, wenn die Musiker sich eigentlich in Klamauk
und Groteske ergingen, seien es die gackernden und trillernden
Glossolalien Käsers, die schnarrenden Plastiktierchen,
die in der Performance von Schwabe über Trommeln wackelten,
oder die gutgelaunten instrumentalen Blödeleien, in
denen sich Fagott und Oboe zuweilen zu einer Art absurden
Dialogs zusammenfanden. Aber auch hier: Man blieb in der
Andeutung – dem „Potential“ eben. Da wächst
aus einem dichten Liegeklang von Käsers Melodika eine
schöne Oboenmelodie, rankt sich empor wie eine tropische
Liane, das Fagott folgt nach, ein Klang entsteht, gross
wie jener der Sho … aber nach wenigen Sekunden ist
es aus damit; ein Statement wird verlesen, dem Publikum
wird mitgeteilt, dass ein Quartvorhalt keine Geste sei…
Das ist unfreiwillige Komik, und zugleich stellt sich die
Frage, ob denn solche Askese nicht schon im Prinzip der
„freien Improvisation“ enthalten sei: Dass hier
eben nicht affirmiert, sondern geforscht wird, wobei ein
allzu deutliches Bekenntnis zu einer musikalischen Situation
bereits stilverdächtig wäre. Das nicht enden wollende
Staccato punktueller Motive in der ersten Matinee wirkt
wie eine in Klang verwandelte Angst vor Redundanz. Vielleicht
sind solche Momente der Richtungslosigkeit ein Risiko des
ganz-freien Improvisierens. Sie lösen sich ab mit zauberhaften
Klangfundstücken, und immer wieder – namentlich
in der Zytynska-Matinee – gelingt es den Musikern,
der Crux allen kollektiven Improvisierens zu entrinnen,
nämlich dem Zuviel an Interaktion. Dass die Musiker
sich bei diesem Auftritt nicht anschauen, sondern lauschen
– auf die Partner, auf die eigene Imagination hörend
–, steht für die Intensität der Darbietung.
Hier, wo ein hinreissendes Duett aus Schmatzgeräuschen
der Blasinstrumente doch für einmal einhellige Heiterkeit
aufkommen lässt, wagen es die Musiker denn auch, länger
bei ihrer Sache zu verweilen.
Es wäre natürlich absurd anzunehmen, dass diese
Musik nach 40 Jahren Geschichte keine Konventionen habe.
Viele chromatische Figuren sind durchaus erkennbar, so,
wie der Einsatz erweiterter Spieltechniken zu den Standards
des Genres gehört. Wenn der Fagottist eine diatonische
Obertonmelodie präsentiert, die so naiv anmutet wie
ein Juuz, so ist gerade in dieser „konventionellen“
Geste der Geist des freien Experimentierens manifest. Ähnliches
gilt für ein melodisches Motiv, das im Verlauf einer
Improvisation immer wieder zurückkehrt und thematischen
Charakter erhält; das freie Musizieren wird kompositionsähnlich.
Zahlreiche Referenzen sind vorhanden: Der Zeigefinger des
Psalterion-zupfenden Käser verselbständigt sich
und wandert mit ihm, ins Nichts weiterzupfend, durch den
ganzen Saal… das ist „instrumentales Theater“
gemäss Maurizio Kagel; die launischen Ansprachen und
Grussworte der Veranstalter evozieren Fluxus, die Stimmimprovisationen
(Käser) sind kaum ohne David Moss denkbar; ein Stück
mit Stimme und Klavier (Zytynska) klingt wie ein Gruss an
Iva Bittová, und die Idee Baumgartners, ein Publikum
vor geöffneten Fenstern Umweltgeräusche hören
zu lassen, ist natürlich von John Cage. Das Zerreissen
und Zerknittern von Plastikbechern auf dem Deckel eines
Flügels (Schwabe) ist Nostalgie der 70er-Jahre-Performances.
(Das Publikum sieht auf der Palette nebenan leere Petflaschen
und ahnt, was in der nächsten Nummer passieren wird.)
Forschen
Eigentlich ist das Vorhaben, Musizieren und Nachdenken
in eine neue Verbindung zu bringen, verblüffend nahe
der Herausforderung, der sich die Schweizer Musikhochschulen
seit einigen Jahren stellen: der Entwicklung einer neuartigen,
auf die praxisnahe Situation der Akademien zugeschnittene
Forschung. Während aber etwa in Australien eine Doktorarbeit
im Fach Musik heute durchaus die Form einer (beinahe unkommentierten)
Serie von Audio-CDs annehmen kann, lassen die Musiker hier,
im Bereich der freien Improvisation, die historische Dualität
von Kreativität und Reflexion, von „Kopf“
und „Bauch“, weitgehend unangetastet. Auch in
unseren Musikhochschulen wird, sollte sich das Forschungsresultat
als Tonträger präsentieren, eine begleitende Dissertation
erwartet, die das Projekt erst als Forschung legitimiere.
Vielleicht ist es der Wunsch des „chaotischen“
Improvisators, sich gerade durchs Ausweisen hochgespannter
Intellektualität zur Höhe akademisch anerkannter
Tonkunst aufzuschwingen? Immerhin ist es überraschend,
dass gerade hier ein praxisnahes Thema („Vom Potential
einer musikalischen Geste“) zur ontologischen Abstraktheit
verdünnt wird („Was ist eine musikalische Geste?“).
Das anschliessende Verfremden der Statements ist ein ziemlich
konventioneller Ansatz intellektueller Ironie. Schwabes
Auftritt seinerseits war grundsätzlich kunsttheoretisch
ausgerichtet, und die exemplifizierenden Performances wären
ohne die reflexive Perspektive zu wenig konsistent. Auch
bei Baumgartner dauerte die Diskussion länger als die
Musik. Seine Querverbindung mit Heidegger ist übertrieben,
und dass es diesem in seinem Kunstbegriff um die „Anwesenheit
einer grösseren, über das alltägliche Registrieren
von Tatsachen hinausgehenden Welt“ gegangen sei, ist
dann halt doch ein Missverständnis. Man erinnert sich
also erleichtert an das locker-leichte Zusammengehen von
Marimbaklängen und Randensuppe am Zytynska-Anlass und
möchte sich vorstellen, dass es doch gerade eine Chance
der freiesten aller Musikäusserungen wäre, sich
vom kunsttheoretischen Schwulst im Sog von Konzeptkunst
und Avantgarde zu verabschieden und bei einem Gläschen
Wodka an der Systematik einer sinnlichen Intelligenz im
Musikmachen selbst, mitten im Spielen drin, zu experimentieren.
In allen aktuellen Richtlinien zur neuen Hochschul-Musikforschung
ist die Rede von der Bereicherung des materiellen Wissens,
von der Verstärkung der intellektuellen Infrastruktur
der Musikpraxis – aber die Erweiterung des kreativen
Horizonts wird nirgends erwähnt. „Ich denke immer,
wenn ich einen Druckfehler sehe, es sei etwas Neues erfunden“,
scherzte Goethe. Das Abenteuer des freien Improvisierens
als Forschung: Spontaneität als solche ist ja nicht
authentisch, sondern eher Beginn der Erstarrung zum Klischee.
Aber statt nach Objektivierung und Konzept – nachgerade
alternden wissenschaftlichen Kategorien – könnte
man nach anderen Formen der Intelligenz fragen als der diskursiven,
die man noch wie eine Fatalität dem kreativen Prozess
überstülpt. Dieser selbst ist schon vergleichsweise
anständig, sozusagen politisch korrekt geworden: Man
will „verstanden“ werden – aber was soll
denn da verstanden werden? Vielleicht sollte man sich wieder
an jenes „körperliche Wissen“ Merleau-Pontys
erinnern, an die Practognosia, an ein Wissen jenseits des
Diskurses. Freie Improvisation ist ein Labor. Man wünscht
sie sich als einen rotglühenden Hexenkessel, in dem
seltsame Musikforscher geheimnisvolle heilende Klangkräuter
zusammenbrauen.
Dieter
A. Nanz
Radio
DRS2aktuell, 19. Januar 2006, 17.06-17.30
Faszination
improvisierte Musik
Gleich zweimal steht am kommenden Wochenende das Thema "Improvisation"
im Zentrum: in Zürich am Festival "Zwei Tage Zeit"
und in Basel in der Reihe "Aspekte der Freien Improvisation".
Freie Improvisation" - ist das ein wildes Durcheinander
von Tönen oder eine klar definierbare Musikrichtung?
..............................................
Franziska
Weber spricht mit Urban Mäder
Radio Anthroposophie, 25. Januar
2006
Philippe
Micol: Wie frei ist freie Improvisation?
Am Sonntag, 12. Februar 2006, von 11.00 - 12.30 Uhr findet
in der Musik-Akademie Basel "Haus Kleinbasel"
(Rebgasse 70, 4058 Basel) ein musikalisches Ereignis der
besonderen Art statt: 'Wie frei ist Freie Improvisation?
Wo mündet Freiheit in Beliebigkeit? Von der Kraft der
Grenzen und der Lust ihrer Beschreitung' werden sich Hansjürgen
Wäldele, Nicolas Rihs und Philippe Micol fragen und
fragen lassen müssen.
In der Ankündigung heisst es: "Es ist ein erster
Schritt zu begreifen, dass wir ein Zelt auch ohne
Bauplan errichten können: sich frei machen
von Vorgaben. Doch der zweite Schritt ist der wesentliche,
sich von Zelt und Bauplan zu verabschieden und sich ins
Unabsehbare zu stürzen, offen für das,
was als nächstes kommt: sich frei machen von der rationalen
Kontrolle unseres Tuns, sich der Intuition überlassen.
Der dritte Schritt ist Gestaltung, wir
schieben, stossen und ziehen, bringen unseren Willen und
unsere Absichten ins Spiel, lassen aber auch geschehen,
lassen auch wieder los: die Freiheit, aus einer Vielzahl
von Gestaltungsmöglichkeiten zu wählen, die sich
jedoch an dem, was der Kontext, in dem wir stehen, uns vorgibt,
aussteuern muss."
Es ist beabsichtigt, innerhalb dieser Anti-Komposition die
Kernsätze von Rudolf Steiners Hauptwerk "Die
Philosophie der Freiheit" via Tonband vortragen
zu lassen.
Schweizerische
Musikzeitung, Juni
2006
Wie
frei ist Freie Improvisation?
Vortrag
von Michel Seigner, gehalten am 26.03.2006, an der Musik-Akademie
Basel, im Rahmen der Veranstaltung "Aspekte der Freien
Improvisation".
Zum Begriff "Freie
Improvisation"
Bekanntlich entstand der Begriff in den 60er-Jahren, als
Cool Jazz vom Free Jazz abgelöst wurde. (Ornette Coleman
gebrauchte den Begriff "Free Jazz" 1960 als programmatischen
Titel für eine seiner Schallplatten). Das Wort frei
stand für die Abgrenzung von der traditionellen Improvisation
und bedeutete, nicht länger an Beat, Chorus und tonale
Harmonik gebunden zu sein.
Mittlerweile hat sich die Freie Improvisation zu einer autonomen
Form der Musikausübung entwickelt, bar der Tabus, die
zu Zeiten des Free Jazz noch herrschten. (Zum Beispiel grenzte
es damals an Blasphemie, einen Dur-Dreiklang zu spielen).
Zieht man in Betracht, wie weit sich die Praxis der Freien
Improvisation von derjenigen der 60er-Jahre entfernt hat,
müsste sie eigentlich längst einen anderen Namen
tragen.
Ein Begriff, der mein persönliches Verständnis
von Improvisation besser umschreibt, ist Instant Composing.
Auch er existiert bereits seit den 60er-Jahren. Er wurde
in der niederländischen Szene um Mischa Mengelberg
geprägt. Leider lässt er sich nicht auf elegante
Weise ins Deutsche übertragen.
Doch zurück zur eigentlichen Frage: "Wie
frei ist Freie Improvisation?"
Tatsächlich halte ich den Begriff "Freie Improvisation"
für irreführend; nicht das Wort Improvisation,
sondern das Wort frei.
Allzu oft wird unter frei bzw. Freiheit verstanden, beliebig
und absichtslos den gerade auftauchenden Impulsen und Einfällen
zu folgen. Eine Vorstellung, der ich häufig begegne,
wenn ich Leuten, die mich fragen, was für Musik ich
denn mache, sage, ich würde frei improvisieren. Viele
halten Freie Improvisation für eine frisch-fröhlichen
Klanglotterie.
Hat diese Vorstellung von Freiheit tatsächlich mit
"Freier Improvisation" zu tun?
Im weiteren impliziert der Begriff das Vorhandensein einer
unfreien Improvisation. Müsste man dann einen Thelonious
Monk, einen Charlie Parker oder einen Lennie Tristano als
unfreie Improvisatoren bezeichnen?
Schliesslich suggeriert der Begriff, Musiker, die andere
Formen der Musikausübung praktizieren, besässen
weniger oder gar... keine Freiheit.
Auch das wäre zu hinterfragen.
Wie eigentlich wird Freiheit definiert
"Wie frei ist Freie Improvisation?"
ist eine ziemlich tückische Frage. Die Versuchung war
gross, einfach davon auszugehen, was ich persönlich
für frei bzw. unfrei erachte. Doch gleichzeitig weckte
sie die Neugierde, ob eine – zumindest in den Grundzügen
– übereinstimmende Definition von Freiheit aufzufinden
sei.
So habe ich denn Literatur, Enzyklopädien, und Wörterbücher
durchgekämmt. Es war schwindelerregend. Freiheit ist
ein erschreckend komplexer - und streitbarer - Begriff,
zu dem sich tausende von grossen Geistern - Deterministen
und Indeterministen - über Jahrtausende hinweg in unterschiedlichsten
Kontexten teilweise kontrovers, teilweise übereinstimmend
geäussert haben.
Doch schliesslich liess sich eine Definition herausfiltern,
über die sich die neuzeitliche Philosophie in den Grundzügen
einig zu sein scheint.
Reduziert auf das, was mir in Zusammenhang mit unserer Fragestellung
relevant erscheint, lautet sie folgendermassen: Generell:
"Unabhängigkeit von äusserem, innerem
oder durch Menschen oder Institutionen bedingtem Zwang."
Meyers Lexikon
Spezifischer: die Definition der Willensfreiheit
"Sie bezeichnet die genuine Fähigkeit des
Menschen, willentlich zu handeln, d.h. zwischen Alternativen
wählen und eine Entscheidung treffen zu können."
Duden, Philosophisches Wörterbuch
Wenn ich nun im Folgenden versuchen möchte, die Frage
"Wie frei ist Freie Improvisation?" an dieser
Definition zu messen, muss ich einsehen, dass ich damals
- im August letzten Jahres – als ich, sogenannt
frei von der Leber weg, einen Einführungstext zum Thema
verfasste, von einer Prämisse ausging, die dieser
Definition von Freiheit nicht standhält. Der
Haken lag in folgender Behauptung:
"Improvisierend aus einem im Moment vorhandenen
Material ein Gericht zu kochen, einen Unterschlupf zu bauen,
eine Musik zu gestalten; wie viel ist frei bei solcher Tätigkeit?
Allenfalls der Umstand, keinem Kochrezept, keinem Bauplan,
keiner Partitur zu folgen. Der Rest jedoch bedeutet gebunden
zu sein, an ein vorhandenes Material und eine Absicht, die
Absicht auch dann bleibt, wenn sie darin besteht absichtslos
zu sein."
Falsch war die Prämisse insofern, als ich Gebundensein
mit Unfreiheit gleichsetzte. Denn an eine Absicht gebunden
zu sein gälte nur dann als unfrei, wenn mir nicht die
Wahl offen stünde, diese Absicht auch wieder zu verwerfen,
sie also aus innerem Zwang heraus "zwanghaft"
in Tat umsetzen müsste. Ebenso steht es mir letztlich
frei – immer vorausgesetzt ich bin nicht zwanghaft
veranlagt - ein vorhandenes Material als verbindlich oder
als unverbindlich zu betrachten.
Hinzu kommt, dass - gemäss der Definition von
Willensfreiheit – Absicht geradezu Voraussetzung für
freies Handeln ist. Unabsichtliches Handeln, zum Beispiel
wenn ich jemandem unabsichtlich auf die Füsse trete,
ist eine Handlung, die ich weder gewählt noch willentlich
vollzogen habe und somit keine freie Handlung.
Ich bin also einer verbreiteten Auffassung aufgesessen,
sich zu binden oder etwas als verbindlich zu betrachten
sei zwangsläufig mit Unfreiheit gleichzusetzen.
Über frei oder unfrei entscheidet lediglich die Frage,
ob mir die Wahl offen steht, mich zu binden oder es eben
nicht zu tun.
Jetzt könnte man natürlich einwenden, wer sich
binde, schränke seine Freiheit in hohem Masse ein.
Dazu eine Episode, die John Cage in "Silence"
erzählt: "Unlängst sagte eine Schülerin,
die versucht hatte, eine Melodie aus nur drei Tönen
zu komponieren "Ich fühlte mich eingeengt."
Hätte sie sich mit den drei Tönen – ihrem
Material – befasst, sie hätte sich nicht eingeengt
gefühlt."
Der Philosoph Peter Bieri fasst in seinem Buch "Das
Handwerk der Freiheit" die Frage nach der Freiheit
des Handelnden folgendermassen zusammen:
"Das Ausmass, in dem er frei ist, ist das Ausmass,
indem er das, was er will, in die Tat umsetzen kann."
Lässt sich nun anhand vorangegangener Definitionen
etwas über den Freiheitsgrad improvisierter Musik aussagen?
In diesem Zusammenhang stellen sich mir folgende
Fragen:
1. Bin ich als freier Improvisator
inneren oder äusseren Zwängen ausgesetzt, und
worin könnten diese bestehen?
2. Erlaubt mir die Freie Improvisation
zwischen Alternativen zu wählen und zu entscheiden?
Aber auch grundsätzlicher: Bin ich in der Lage zu entscheiden?
3. Bin ich in der Lage, das, was
ich will - also eine Absicht - in die Tat umzusetzen?
Zur 1. Frage:
Bin ich inneren oder äusseren Zwängen ausgesetzt,
und worin könnten diese bestehen?
Um die Dinge nicht allzu sehr zu verkomplizieren,
gehe ich mal davon aus, dass improvisierende Musikerinnen
und Musiker keine Zwangsneurotiker sind, also grundsätzlich
keinen inneren Zwängen unterworfen sind (wobei sich
natürlich nicht ausschliessen lässt, dass der
eine oder andere Zwang durchaus vorhanden sein kann).
Äusserer Zwang jedoch ist vorstellbar. Dieser könnte
z.B. in einer Publikumserwartung bestehen, der ich gegen
meinen Willen versuche gerecht zu werden, da ich von meinen
Konzerten leben möchte bzw. muss.
Ein anderer äusserer Zwang könnte auch die Tatsache
bedeuten, dass Konzertorganisatoren nicht selten Gruppen
zusammenwürfeln, deren Zusammenstellung nicht meinen
Wünschen entspricht, es mir aus finanziellen Gründen
jedoch nicht frei steht, abzusagen.
Inwieweit solche Faktoren äusseren Zwangs ins Gewicht
fallen, kann ich nicht beurteilen, da es nie meine Absicht
war, von meinen Konzerten leben zu können. Jedenfalls
wird niemand, dem es in erster Linie darum geht, von seiner
Musik leben zu können, die Freie Improvisation wählen.
Ein weiterer Faktor äusseren Zwangs könnte darin
bestehen, dass allein der Begriff "Freie Improvisation"
gewisse Freiheiten ausschliesst oder einschränkt. Wie
auch immer ich mich anstrenge, ich komme auf nichts, was
angesichts der heutigen Auffassung von Freier Improvisation
als freiheitsbegrenzend bezeichnet werden könnte.
Zur 2. Frage:
Erlaubt mir die Freie Improvisation, zwischen Alternativen
zu wählen und zu entscheiden? Aber auch grundsätzlicher:
Bin ich in der Lage zu entscheiden?
Die Definition der Willensfreiheit setzt voraus,
dass mir die Wahl zwischen Alternativen offen steht. Doch
woher eigentlich stammen die Alternativen, die mir allenfalls
zur Wahl stehen?
Es sind dies die Produkte meiner Intuition und meines Vorstellungsvermögens:
Alles in allem mein Ideenreichtum. Die Anzahl und die Qualität
der Alternativen, die mir zur Wahl stehen, ist somit abhängig
von der Kreativität, über die ich in einem jeweiligen
Moment des Spielens verfüge, aber auch davon, was in
diesen Momenten musikalisch gerade stattfindet. Kreativität
wiederum setzt Offenheit, Flexibilität und Risikobereitschaft
voraus.
Solange ich inspiriert bin, über Ideenreichtum verfüge,
bin ich frei zu wählen, nicht nur womit ich
auf eine sich stets verändernde Situation reagiere,
sondern auch worauf, wann und ob ich reagiere.
Dies ist die Voraussetzung dazu, überhaupt gestalten
bzw. mitgestalten zu können.
Eng wird es dann, wenn mir nichts mehr einfällt, denn
dann bin ich der Freiheit beraubt, das zu tun, was ich eigentlich
vorhatte, nämlich Musik zu machen.
Natürlich könnte ich noch weiterhin Töne
produzieren... aber was hätte das mit Musik zu tun?
Das Ausmass, in dem mir offen steht, zwischen Alternativen
zu wählen, ist also abhängig vom Ausmass meiner
Kreativität.
Zur Frage der Entscheidungsfähigkeit:
In Zusammenhang mit Improvisation die Frage zu stellen,
ob zu entscheiden mir erlaubt ist, bzw. ob ich dazu in der
Lage bin, scheint mir hinfällig.
Improvisation ohne die Fähigkeit, zu entscheiden, bzw.
Entscheidungen selbständig treffen zu können,
ist nicht denkbar.
Doch die musikalische Improvisation setzt - auf Grund ihrer
Zeitgebundenheit – eine spezifische Art von Entscheidungsfähigkeit
voraus:
Angenommen, ich bin zwar kreativ, jedoch ein Zauderer, unfähig
mich innert nützlicher Frist zwischen zwei oder mehreren
Einfällen zu entscheiden, so würde mich das letztlich
zum Verstummen bringen.
Denn während der Zeit, die ich benötigte, um mich
zu entscheiden, ist der musikalische Prozess längst
weitergelaufen, und das, was zu spielen ich mich schliesslich
entscheide, steht in keinem Kontext mehr zum aktuellen Geschehen.
Mein Einfall ist überfällig geworden.
In der Improvisation ist die Frage, wie schnell ich in der
Lage bin zu entscheiden, mitbestimmend für den Grad
meiner Freiheit. Ein Faktor, der z.B. in der Komposition
nicht massgebend wäre.
Noch etwas zum Tempo
Durch den Versuch, einer Antwort auf die Frage "Wie
frei ist Freie Improvisation?" auf die Spur zu kommen,
könnte der Eindruck entstehen, beim frei Improvisieren
würde behutsam erst alles abgewägt und schliesslich
in die Tat umgesetzt. Alles sei permanenter Kontrolle unterworfen.
Natürlich ist das Gegenteil der Fall: Entscheidungs-
und Willensakte, bewusste und unbewusste, häufen und
überlagern sich beinahe reflexartig in Sekundenbruchteilen;
ein hoch komplexer Prozess, in dem sich manche Absicht nicht
erfüllt, manches einfach geschieht; deus ex machina
im Guten wie im Schlechten.
Zur 3. Frage:
Bin ich in der Lage, das was ich will - also eine Absicht
- in die Tat umzusetzen?
Wie weit ich in der Lage bin, meine Absichten
in die Tat umzusetzen, hängt – mal abgesehen
von den grundsätzlichen Grenzen, die mein Instrument
mir setzt - von meiner Instrumentaltechnik ab. Sie bestimmt
das Ausmass meiner Handlungsfreiheit.
Doch hier beisst sich die Katze in den Schwanz:
Im Bewusstsein, dass ich auf meinem Instrument nicht alles
kann (geschweige denn aus dem Moment heraus), werde ich
- im günstigen Fall - unter meinen musikalischen Einfällen
jene auswählen, die meine Technik mir erlaubt zu realisieren.
D.h. meine Wahlfreiheit wird stets auch davon bestimmt sein,
wovon ich glaube bzw. hoffe, es in die Tat umsetzen zu können.
Schliesslich der Versuch einer Antwort auf die Frage:
"Wie frei ist Freie Improvisation?"
Die Rahmenbedingungen der Freien Improvisation
lassen sich – wie mir scheint – durchaus als
frei bezeichnen. Von äusseren Zwängen durch Menschen
oder Institutionen zu reden, schiene mir wehleidig.
Auch setzt das heutige Verständnis von Freier Improvisation
- anders als noch damals im Free Jazz - weder stilistische
noch irgendwelche andere Vorgaben, die meine musikalische
Freiheit einschränken würden.
Grundsätzlich bin ich als frei improvisierender Musiker
also autonom.
Doch wie weit mein freies Improvisieren den Kriterien von
Wahlfreiheit, Willensfreiheit und Handlungsfreiheit standhält,
darüber entscheiden weitgehend meine höchst individuellen
Eigenschaften.
Deshalb lautet mein Fazit:
Die Freie Improvisation ist so frei, wie das Spielverhalten
der Musikerinnen und Musiker frei ist, die sie ausüben.
Oder eher mathematisch ausgedrückt:
Freie Improvisation ist so frei wie die Summe der
Freiheit jener, die sie ausüben.
Kurz noch etwas zum Untertitel dieser Veranstaltung:
Wann mündet Freie Improvisation in Beliebigkeit?
Bereits die Fragestellung impliziert, dass Beliebigkeit
nicht mit Freiheit gleichzusetzen ist. Beliebigkeit stellt
sich dann ein, wenn ich spiele, ohne eigentlich etwas zu
wollen. Und da ich eigentlich gar nichts will, gibt es auch
keine Wahl zu treffen, geschweige denn etwas zu entscheiden.
Unter Umständen will ich sogar etwas: Zum
Beispiel etwas ausprobieren, doch das ist nicht das selbe,
wie Musik machen wollen. Das Resultat ist Orientierungs-
und Richtungslosigkeit. Was wiederum zur Folge hat, dass
sich keine Zusammenhänge, keine übergeordnete
Form, keine Stringenz einstellen können. Alles bleibt
unverbindlich, und dies für die Mitspieler in gleichem
Masse wie für die Zuhörer.
Michel Seigner
Badische Zeitung,
3. Juni 2006
Zwischen
Realität und Abbild
Ungewohnte Improvisationen im Basler Gare du Nord
„Ceci n’est pas une pipe“ (Das ist keine
Pfeife). René Magrittes berühmter Satz über
den Unterschied zwischen Realität und Abbild, mit dem
er sein Ölbild einer frei schwebenden Tabakspfeife
unterschreibt, hätte sehr gut auch als Motto für
die jüngste Bläser-Nocturne im Basler Gare du
Nord getaugt. Dass Magrittes „pipe“ kein Instrument
ist, tut dem keinen Abbruch. In surreal unwirkliche Bildwelten
versetzt das alte Bahnhofsbuffet ohnehin. Die musikalische
Geste, zu der im Gare du Nord diesmal Hansjürgen Wäldele
(Oboe), Nicolas Rihs (Fagott), Philippe Micol (Saxophon/Klarinette),
Hans-Jürg Meier (Blockflöten) und Urban Mäder
am Flügel ausholten, hätte anderswo kaum ähnlich
greifen können.
Auch ohne die angekündigte „Electronics“-
und Gitarren-Unterstützung des erkrankten Michel Seigner
fehlte es der verbliebenen Crew kaum an Einfällen,
Töne, Instrumente und äußere Eindrücke
zu verfremden. Auch das neu aufgenommene Würfelspiel
blieb unwirklich. Die großen Schaumstoffwürfel,
die die Musiker von Mal zumal neu warfen und scheinbar über
Auftritt oder (Ersatz-) Bank entscheiden ließen, mochten
ihrerseits für das schwer sich erschließende
System musikalischer Improvisation stehen.
Aus einem schier unendlichen Repertoire an Einfällen
schöpften die Musiker auch über dieses rätselhafte
Würfeln hinaus. Philippe Micols bildhafte Erwanderung
eines Taktes etwa, in der Schritt für Schritt des an
den Rändern der Rotunde gehenden Saxophonisten das
Spiel der anderen strukturierte. Oder Hansjürgen Wäldeles
ganz unvermittelt einsetzender sehr melodischer Part, der
demüber aller Verfremdung und Improvisation doch hier
und da etwas angestrengten Publikum vor Augen führte,
wie Oboenspiel klingen kann, nämlich einfach nur schön.
An anderer Stelle klangen wieder vor allem Bass-Saxophon,
Fagott und Oboe derart schrill scheußlich zusammen,
dass niemand sicher sein konnte, ob das plötzlich in
knapper Pause aufspringende und den Saal verlassende wohl
halbe Publikum, doch noch den Zug erreichen oder nur die
geordnet höfliche Flucht ergreifen wollte. Urban Mäders
den Fall seines Würfels daraufhin gar nicht mehr abwartendes
an den Flügel Stürzen und in die Tasten Hauen,
löste beim Restpublikum jedenfalls größere
Heiterkeit aus. Der Flügel auch einmal als Zither,
Saxophon, Klarinette und Oboe mal mit, mal oder ohne oder
auch nur auf dem Mundstück gespielt. Selbst noch die
Mundstück-Schutzkappen wurden da zum Instrument. Magritte
glaubte wenigstens die Mehrheit seiner Rezipienten immer
noch interpretieren und also verstehen zu können.
Und Keith Jarretts musikalische Gesten waren etwas eingängiger.
Aber es muss ja nicht immer Jarrett sein.
Annette
Mahro
Programmzeitung
Basel, März 2006
Foren für Improvisation
db. Seit drei Jahren organisieren Hansjürgen
Wäldele (Oboe) und Nicolas Rihs (Fagott), die u.a.
an der Musik-Akademie Basel unterrichten, Veranstaltungen
über ‹Aspekte der Freien Improvisation›.
Dabei versuchen sie, auf spielerische Weise Theorie und
Praxis zu verbinden, indem musiziert, reflektiert und diskutiert
wird. Ein Gast äussert sich jeweils zu einer bestimmten
Fragestellung; Ende März etwa wird die ‹Freiheit›
der Improvisation vom Gitarristen Michel Seigner unter die
Lupe genommen. Denn was heisst hier Freiheit? Entstehen
Spielräume nicht erst durch Grenzen? Das Publikum ist
eingeladen, sich am Gespräch zu beteiligen. Das Spielen
ohne Noten, ohne vorherige Abmachungen und ohne bestimmten
Stil ist voller Reize und Risiken; das dürfte sich
auch an der Abschlussveranstaltung zeigen, bei der alle
Gäste der diesjährigen Reihe gemeinsam konzertieren.‹Aspekte
der Freien Improvisation›: So 26.3. (Michel Seigner)
und So 7.5. (Hans-Jürg Meier), 11.00—12.30, Musik-Akademie,
Haus Kleinbasel, Rebgasse 70. Abschlusskonzert: Do 1.6.,
19.30/ 21.00, Gare du Nord. Weitere Infos: www.getreidesilo.net
Basellandschaftliche
Zeitung, 15. Januar 2005
Die Improvisation ist eine fragile
Kunst, die hochgradig auf den Augenblick bezogen ist. Dieser
Aspekt ist bekannt und wird auch oft betont. Doch seit den
Anfängen des Free Jazz und der Freien Improvisation
ist der Aspekt der Forschung mindestens so wichtig.
Das Gefühl, mit bestehenden
Spielweisen, Instrumenten, Formen und Theorien nicht genügend
für die Konfron-tation mit dem Augenblick gerüstet
zu sein, gehört ebenso selbstverständlich zum
Ausgesetztsein des auf Noten verzich-tenden Musikers, wie
ein entsprechendes Pensum an Üben, Hören, Ausprobieren
und Reflektieren. Aber mit wenigen Ausnahmen wird darüber
eher selten berichtet.
Umso wichtiger ist deshalb die von Hansjürgen Wäldele
und Nicolas Rihs organisierte und in der Musik-Akademie
stattfindende Vortragsreihe “Vom Poten-tial einer
musikalischen Geste - Aspekte der Freien Improvisation”
(die dankens-werterweise vom Fachausschuss Musik BS/BL unterstützt
wird).
Die jeweils am Sonntagmorgen stattfindende Reihe (für
genauere Informationen: www.getreidesilo.net/aspekte) bietet
dieses Jahr vier Vorträge zu weit-reichenden Themen
der improvisierten Musik.
Am 16. Januar wird es um „Improvisierte Musik im Internet“
gehen. Dank erhöhten Datendurchsätzen bietet dieser
Bereich immer mehr Möglichkeiten (bis hin zum Live-Ensemblespiel),
über die der Kontrabassist Peter K. Frey berichten
wird. Anhand von konkreten Beispielen wird er versuchen
aufzuzeigen, was in diesem Medium bereits ausprobiert und
was noch möglich und sinnvoll ist.
Am 27. Februar steht „An den Rändern der Sprache:
vom Spiel mit Bedeutungen“ auf dem Programm. Das ursprünglichste
aller Instrumente stellt aufgrund der Bedeutungsebene der
Sprache besonders verzwickte und weitreichende Fragen an
die Improvisa-tion. Die sowohl im Bereich der neuen Musik
als auch der Improvisation tätige Sängerin Marianne
Schuppe wird über die ebenso explosive wie fruchtbare
Beziehung zwischen Stimme und Sprache, zwischen Sprachlosigkeit
und spontaner Spracherfindung, zwischen Textinterpretation
und Laut-Poesie reflektieren.
Einem zentralen Thema ist der 22. Mai gewidmet: „Präparieren,
Mani-pulieren: die Bedeutung der sogenannten Klangforschung
in der improvisierten Musik“. Die üblichen Instrumente
und Spielweisen sind in der Improvisation ihrer Selbstständigkeit
entledigt und werden als gesellschaftliche und his-torische
Produkte betrachtet. Der Pianist (oder in gewisser Hinsicht
auch Nicht-Pianist) Christoph Schiller wird darüber
berichten, wie die Suche nach neuen, anderen und frischen
Klängen dazu führen kann, sich einem Instrument
immer wieder neu anzunähern, aber auch darüber,
was für ein intensiver Austausch von Spielweisen zwischen
improvi-sierenden Musikern stattfindet. Könnte die
„falsche“ Spielweise zum „richtigen Leben“
gehören?
Am 19. Juni schliesslich wird der Musiker und Instrumentenbauer
Lukas Rohner dieses Thema weiterführen: „Mehrstimmiges
Blasen: Begegnungen von Mehrklängen auf Oboe und Fagott
mit neuerfundenen Tastenblasinstrumen-ten“ widmet
sich den Möglichkeiten der Holzblasinstrumente und
Suche nach neuen Instrumenten als technischer, aber auch
als poetischer und ebenso radikaler wie alltagsbezogener
Tätigkeit.
Eine Fülle an Informationen, Einsichten und Auseinandersetzungen
wartet also auf interessierte Hörer- und MusikerInnen
!
Peter Baumgartner
Basellandschaftliche
Zeitung, 16. Juni 2005
Spannend
improvisierte Konzertmusik
GARE DU
NORD / Sechs gestandene Musiker der frei improvisierenden
Szene Europas gaben ein fesselndes Konzert.
BASEL. «Vom
Potential einer musikalischen Geste - Aspekte der Freien
Improvisation», so lautete das Thema eines Konzertabends
in der Gare du Nord, an dem frei improvisierte Musik zu
hören war. Es handelte sich dabei um eine « Impro
nocturne», die unter dem Motto «Faites vos jeux»
stand. Die Musik, die an diesem Konzert gespielt wurde,
sei «gänzlich frei improvisiert» gewesen,
vergewisserte der Fagottist Nicolas Rihs, der die Musiker
flir diesen Abend zusammengetrommelt hatte. Es habe keine
einzige Probe stattgefunden und er habe ein wenig Angst
gehabt, dass die Sache schief rauskommen könnte, erklärte
Rihs.
Dass dieses Projekt dann schliesslich doch gut herausgekommen
ist, überrascht eigentlich nicht sonderlich, hat Rihs
doch lauter Musiker mit langjähriger Erfahrung zu diesem
Unternehmen eingeladen. Neben Rihs waren an dieser «Impro
nocturne» noch Marianne Schuppe (Stimme), Hansjürgen
Wäldele, (Oboe), Lukas Rohner (Tastenblasinstrumente),
Christoph Schiller (Klavier) und Peter K.Frey (Kontrabass)
beteiligt, die alle zum verschlungenen Netzwerk improvisierender
und komponierender Musiker der Freien Szene gehören.
Dynamik
bis am Schluss aufrecht erhalten
Mit zart im Pianissunö hingetupften Tönen begannen
die fünf Instru-mentalisten des Ensembles ihre rund
einstündige Improvisation. . Immer dichter wurden diese
Einwürfe gesetzt, so dass mit der Zeit ein immer engeres
Gewebe von Tönen, Trillern, Geräuschen und perkussiven
Klängen entstand, über das schliesslich die Sängerin
und Sprecherin Marianne Schuppe die Worte «Haben Sie
es gele sen... ?>» legte. Meist im Pianobereich,
nur selten wurde die Musik laut und aggressiv, spielte das
Ensemble weiter, wobei die Musiker nebst «konventionellem
Spiel» auf ihren Instrumenten auch auf höchst
kreative Weise Spieltechniken wie Flatterzunge, Flageolett,
Multiphonic, Slap-tonguing und vieles mehr einsetzten.
Zwei
Meter hohe durchsichtige Pfeifen
Organist Lukas Rohner entlockte seiner mit bis zu zwei Meter
hohen durchsichtigen Pfeifen bestückten Reagenzorgel
gläserne Töne im Ober-tonbereich und Pianist Christoph
Schiller war immer wieder damit beschäftigt, die klanglichen
Möglichkeiten seines Konzertflügels durch Präpa-ration
der Saiten im Innern seines Instruments zu erweitern. Mehrere
Male glaubte man im Verlaufe des abwechslungsreichen Konzertes,
dass die Musiker ihr Pulver verschössen hätten
und dass bald Langeweile aufkommen würde. Doch immer
wieder gelang es dem Ensemble, neue Spannungsbögen
aufzubauen und die musikalische Dynamik bis zum Schluss
aufrecht zu erhalten.
Rolf de
Marchi
Dissonanz N°
91, September 2005
Fülle
und Leere
„ Vom
Potential einer musikalischen Geste». Freie Improvisationen
in Basel
Ausloten. Ausprobieren.
Verwerfen, Lachen: in vier Sonntags-Matincen und einem Nocturne-Kon/ert
laden begnadete Improvisatoren zum Mitreflektieren ihres
Tuns ein - und zwar gerade und vor allem, indem sie jenes
tun: es tun. In angenehmer klanglicher Abdunkclung. mit
nachvollziehbaren Bewegungen und genügend Raum auch
für Einzclentialtungcn. finden die sechs beteiligten
Musiker (Marianne Schuppe, Hansjürgcn Waldele, Nicolas
Rihs, Lukas Rohner, Christoph Schiller und Peter K. Frey)
am 12. Juni 2005 in der Basier Gare du Nord zu einem schönen
Abschlusskonzert («faites vos jeux») zusammen.
Ein behutsames, wenn nötig
aber auch forsches additives Vorgehen, ein Spiel von Beschleunigungen,
ein klangliches «Füllen und Leeren» -so
entsteht ein Improvisationsmaterial auf das man einen Satz
aus Marianne Schuppes Sprecheinwürfen zurückwenden
kann: «Das Material hier hält garantiert stand.»
Die aufgrund
ihrer Form offeneren Sonntagsmatineen können (und wollen
vielleicht) weniger garantieren. Peter K. Frey, Marianne
Schuppe, Christoph Schiller und Lukas Rohner stellen jeweils
Grundfragen oder -möglichkeiten aus eigenen Interessenbereichen
vor, begleitet von Hansjürgen Wäldele und Nicolas
Rihs (ich konnte nur drei der vier Matineen besuchen).
Es ist nicht
überraschend, dass es für den Zuhörer da
ergiebig wird, wo zu den Instrumenten gegriffen wird. wo
illustriert und vorgeführt wird. Gemessen an den hohen
Ansprüchen, die sich in den Programmen selbst formuliert
finden, dürften die Referate durchaus noch schlagkräftiger
und pointierter sein. Peter K. Frey stellt Möglichkeiten
vor, wie sich improvisierte Musik im Internet bewegen und
vernetzen könnte und konstatiert, dass die Idee, ortsungebunden
mit anderen Musikern zu improvisieren bei aller theoretischen
Faszination kaum genutzt scheint. Diese Diagnose beim Wickel
zu packen und einmal auch die Anforderungen eines Musikers
an die Technik programmatisch festzuhalten, wäre gewiss
fruchtbarer als gemeinsam Websites beim Laden zuzuschauen.
Lukas Rohner lässt zu seinem Thema - Mehrklänge
bei Blasinstrumenten - am liebsten die Musik sprechen und
führt eine Vielzahl von Instrumenten und Klangbeispielen
vor, die dann schwierig wieder begrifflich zu subsumieren
sind. Immer spürbar allerdings bleibt eine Begeisterung
an improvisatorischer Praxis, die selten genug aus einer
solchen Nähe erlebt werden kann - was sich mir im Versteckten
hier doch erschlossen hat, wird sich mir erst erschliessen.
Andreas
Fatton
Programmzeitung
Basel, März 2006
Plattformen
für Improvisation
1993 entstand das Forum für improvisierte
Musik (FIM), zu dem sich vor fünf Jahren noch der Tanz
gesellte. Um dieser so eigen- wie randständigen Kunstform
mehr Öffentlichkeit zu bieten, wurde vor einem Jahr
der Kulturverein FIM gegründet, dem heute 30 zahlende
Mitglieder angehören. Neben regelmässigen Treffen
und Auftritten – zunächst im Davidseck, dann
in der Gundeldinger Kunsthalle, neuerdings in der Mitte
– finden auch Koproduktionen, etwa mit der IG Tanz
oder mit Angehörigen anderer Kunstsparten, statt. Dabei
geht es immer um höchste Präsenz und grösste
Offenheit, was den Darbietenden wie dem Publikum viel abverlangt,
aber mit der ‹Magie des Augenblicks› belohnt
wird. Während es etwa in Bern und Zürich schon
länger ‹Werkstätten für improvisierte
Musik› gibt, die von den Städten mitfinanziert
werden, muss das FIM Basel immer noch mit viel unbezahlter
Arbeit über die Runden kommen. Dennoch möchte
der Verein im nächsten Jahr ein grösseres Festival
präsentieren. – Ebenfalls der flüchtigsten
aller Künste verschrieben haben sich Hansjürgen
Wäldele und Nicolas Rihs, die im Januar eine vierteilige
Veranstaltungsreihe zum Thema Improvisation starteten, welche
mit einem Konzert aller Referierenden abgeschlossen wird.
Unter dem Titel ‹Vom Potenzial einer musikalischen
Geste› beleuchten die Gast-MusikerInnen Fragen ihres
individuellen Schaffens.
Dagmar Brunner