Zürich_online, 17. März
2008
Wo Meeresschnecken
sich Respekt erspielen
«Löffelweise schleppen sie Zuversicht
durch die Pforten», näselt der Mann mit geschlossenen
Augen, eine Oboe in der Hand, seine hüftlangen Haare
über die Schulter geworfen.
Das
René Krebs Trio im Qbus
Die Pforten sind in diesem Fall die schweren Schiebetore
des Qbus-Kulturraumes, die Zuversicht bringen die drei Improvisationsmusiker
gleich selbst mit, denn sie spielen an diesem Freitagabend
vor spärlichem Publikum.Der Qbus wird von offizieller
Seite stolz als der «kleine Schiffbau der Stadt Uster»
bezeichnet. Hier soll Kultur gefördert werden. Der
Raum würde neben dem ganzen kreativen Potenzial von
Uster auch noch 150 sitzende Zuschauer fassen, die gewillt
sind, sich der Kleinkunst hinzugeben, dem Unbequemen auszusetzen,
oder sich wagemutig dem unmittelbar Erfahrbaren zu stellen.
Intuitiver Spieltrieb
Heute Abend sind es drei Musiker auf der Bühne,
die neben dem technischen Beherrschen ihrer Instrumente
jede Menge intuitiven Spieltrieb zu bieten haben. Hansjürgen
Wäldele spielt die Oboe (oder manchmal auch nur auf
Teilen von ihr), Nicolas Rihs das Fagott und René
Krebs die Trompete, sowie zwei mächtige Meeresschnecken.
Freilich ist von letzteren nur noch das Gehäuse übrig,
deren spitz zulaufendes Ende abgesägt und vom Musizierenden
als Mundstück benutzt wird. Ihr Ton klingt erwartungsgemäss
nach Wind und Meer. Der Klang vermag dennoch keinen Poseidon
heraufzubeschwören, zu irdisch ist die Geräuschkulisse
der Mitmusizierenden.
Der eingangs zitierte Wäldele harrt mit seiner Oboe
in der Hand und geschlossenen Augen der Spontaneinfälle,
die da in seinem Kopf entstehen: «Günther grinst»,
sagt er laut in den Raum. Und: «Thomas turnt. Ferdinand
furzt. Stefan steht.» Schliesslich: «Thomas
schwitzt.» Das Publikum ist baff. Im Hintergrund ein
heiteres Geschwätz von Fagott und Trompete, die bald
im gekonnten Daneben keuchen, bald aus dem letzten Loch
pfeifen, ohne sich um Harmonie oder stimmige Akkorde zu
kümmern.
Ist solche Musik kritisierbar?
Als Wäldele schliesslich sein Instrument
an die Lippen setzt, ist die Spannung perfekt: Wird die
Oboe wie eine Oboe klingen, oder wird sie kreischend anheben
wie die Plastikflöte eines Dreijährigen? Ist derlei
Musik noch kritisierbar? Die Frage schwebt wie ein Damoklesschwert
im Raum, als die Musiker sich im anschliessenden Gespräch
der Kritik des Publikums stellen.
Nein, ist sie nicht. Und daran scheint die Runde der drei
Musiker spitzbübische Freude zu haben. Ausserdem: Es
gibt kein Regelwerk, keine stilistische Vorgabe, die Geltung
hätte. Einzige Bedingung für das Improvisieren
im Trio sei hier der gegenseitige Respekt. Den Respekt des
Publikums haben sich die drei auf jeden Fall durch beeindruckenden
künstlerischen Mut und die Fähigkeit zur Selbstironie
erspielt.
Katharina
Bracher
Basellandschaftliche
Zeitung, 17. März 2008
Emotion
vs. Intellekt
In der Konzertreihe «Kritik» wird
nach Konzepten zur Bewertung von frei improvisierter Musik
gesucht
«Kritik
- Aspekte der Freien Improvisation 2008» lautet der
Arbeitstitel einer vierteileigen Konzertreihe in der Imprimerie
Basel, die sich mit der Frage beschäftigt, ob es Objektivität
bei der Beurteilung von Musik gibt. Diese Frage stellt sich
ganz besonders bei der frei improvisierten Musik, wo keine
Partitur mit objektiv nachvollziehbaren Angaben vorliegt
und die Musiker auf sie einfliessende Ideen von Spieltechnik,
Klang, Reaktionsmuster, Form, Ablauf etc. zu einem sinnvollen
Ganzen zusammen zu bringen versuchen. Streng genommen können
nur die Musiker selber beurteilen, ob dies gelungen ist
oder nicht. Beim zweiten Konzert dieser Reihe war es das
René Krebs Trio, das die Aufgabe übernahm, dem
Publikum und zwei «Kritikern» eine halbstündige
freie Improvisation vorzuspielen.
Mit ein paar intensiven Tönen auf einem kleinen Muschelhorn
eröffnete René Krebs die Improvisation, Töne,
die wenig später in weit gespannte, stufenlose Schleifer
nach oben und unten übergingen. Darauf stieg Nicolas
Rihs ein, der den dünnen Hals seines Fagotts ohne Mundstück
blies. Wie ein ruhender Pol zwischen den beiden experimentell
spielenden Mitmusikern stieg schließlich der Oboist
Hansjürgen Wäldele in die Improvisation mit ein.
Während René Krebs wiederholt sein Instrument
wechselte, mal griff er zu einem speziell präparierten
Flügelhorn, mal zur Trompete und schliesslich noch
zu einem riesigen, schön anzuschauenden Muschelhorn,
um ihnen die eigenartigsten Töne und Klänge zu
entlocken und auch Nicolas Rihs seinem Fagott ein Kesselmundstück
aufsetzte und in avantgardistischen Klangkaskaden schwelgte,
beschränkte sich Hansjürgen Wäldele eher
auf spartanisch knapp gespielte Töne und Tonfiguren.
Immer wieder war im Verlaufe dieser Performance die wohl
wichtigste Regel bei freier Improvisation hörbar: wenn
zwei das gleicht tun, setzt der dritte einen deutlichen
Kontrapunkt; wenn beispielsweise zwei der Musiker ruhige
Liegetöne spielen, legt der dritte abgehackte, schnelle
Staccato-Ketten oder nervöse Trillerfiguren darüber.
Nach dem kurzen Konzert dann kommentierten unter der Leitung
von Thomas Meyer zwei «Kritiker» das Gehörte.
Der Essayist und Kritiker Sebastian Kiefer aus Berlin erklärte,
dass ein intellektuelle Herangehensweise an frei improvisiert
Musik für ihn eher hinderlich sei und ein emotionaler
Zugang besser Resultate bei der Beurteilung dieser Musik
bringen würde. Der Komponist Roland Moser wiederum
erklärte vor allem die Neugier zur Leitidee bei der
Bewertung dieser Musik: warum hat dieser Musiker jetzt gerade
diese Phrase gespielt, warum jener nur einen Ton; und wie
hat beispielsweise René Krebs sein Flügelhorn
präpariert, an dessen Mundstück ein eigenartiges
Plastiksäckchen hing. Die drei Musiker wiederum erklärten,
dass sie sich beim Spielen in erster Linie von intuitiv-emotionalen
Kriterien leiten ließen, wobei aber natürlich
auch verstandesmäßig gefällte Entscheidungen
über Spieltechnik und Form für eine gelungene
Improvisation eine wichtige Rolle spielten.
Rolf de
Marchi

Wochenblatt,
13. März 2008
Musiker
finden gemeinsame Sprache
Aspekte der freien Improvisation im Kulturzentrum Kesselhaus
/ Gesprächsrunde im Anschluss
Well am Rhein.
Die Trompete fangt mit tiefen grummeln den Tönen an,
eine Oktave tiefer; das Fagott macht seine eigenen Einwürfe
und die Klarinette antwortet. Wir sind hier aber nicht in
der Kammermusik, im Quartett, oder dem Trio, wo man sich
gepflegt musikalisch unterhält. Wir sind auch nicht
im Jazz, wo über ein Thema improvisiert wird, wir sind
bei „Aspekten der freien Improvisation" im Kulturzentrum
Weiler Kesselhaus.
Wie klingt es also, wenn drei Musiker aus verschiedenen
Welten kommen und versuchen, eine gemeinsame Sprache zu
entwickeln? Der Oboist Hansjürgen Wäldele und
der Fagottist Nicolas Rihs kennen sich seit 20 Jahren und
kommunizieren auf vertraute improvisatorische Weise. Der
Gast-Trompeter Rene Krebs kommt vom Jazz und Free Jazz,
Wäldele ist in der Barockmusik wie in der Neuen Musik
zu Hause.
Und schließlich hat die Barockmusik viel mit Jazz
gemeinsam, sie sind gar nicht so weit auseinander wie man
vielleicht meint. Es sind verschiedene Dialekte des gleichen
Sprachphänomens, Slangs, die bei der freien Improvisation
vehement aufeinanderprallen. Denn in der Improvisation geht
es um intuitive Entscheidungen, um Klangerweiterung und
Geräuscherzeugung. Nebenbei wollen die Musiker sich
auch selbst damit vergnügen. Und wenn es gelingt, geistreich
zu formulieren, ist der Humor in der Musik nicht weit.
Natürlich gibt es auch, wenn die Drei von der Klangbaustelle
zusammen loslegen, Verständigungsprobleme, Kämpfe,
wird auch mal gegeneinander gespielt, klingt es konträr.
Aber das ist ja ein altes Prinzip der Musik, der Kontrast,
das wusste schon Johann Sebastian Bach. Daraus ergeben sich
Spannung und Entspannung, Dynamik, Dramaturgie im Stück;
manche Eingebung dieser Augenblicksmusik hat gewisse Längen
oder komische Schlüsse.
Wäldele nimmt noch die Stimme dazu: das klingt mal
wie eine singende Säge oder wie ein Theremin. Der Jazzer
Krebs bemüht sich um die rhythmischen Grundmuster,
versucht die Musik zu erspüren, ja zu „erriechen",
greift auch mal zum Muschelhorn, das dumpf dröhnt und
neue Klangfarben ergibt (schlussendlich ist der Ton physikalisch
dem Geräusch verwandt).
So kommt es zu einer ganz spontanen musikalischen Performance,
bei der es keinerlei Absprachen gibt, was gespielt wird
oder wie das Stück geartet ist. Mauricio Kagel sei
Dank, der das alles vorgemacht hat mit der Gartenschlauchtrompete!
Das Improvisieren wirft auch Fragen auf. Der „vierte
Partner", also der Zuhörer, ist schon mal verunsichert,
hat seine eigene Hörerwartung. Und so dauert die anschließende
Gesprächsrunde bei diesem „Heimspiel" fast
so lang wie das Konzert.
Meister der
freien Improvisation: Nicolas Rihs, Hansjürgen Wäldele
und Rene Krebs (von links) im Weiler Kesselhaus. Foto: Jürgen
Scharf
Jürgen
Scharf